Lokale Kultur

Atemberaubend hohes Niveau

Brillanter Konzertabend mit dem Trompeter Jonathan Müller und dem Pianisten Thomas Engler

Bissingen. „Dass der Abend nicht so unharmonisch endet,“ so kündigte der Trompeter Jonathan Müller am vergangenen Mittwoch in Bissingen die Zugabe an, nachdem er mit der Sonatine für Trompete solo von Heinz Werner Henze sein Mammutprogramm abgeschlossen hatte. Was

Anzeige

nun folgte, war ein ziemlich leichtsinniger Abstieg in die Belanglosigkeit, dem man nur etwas abgewinnen konnte, wenn man sie als Parodie auffasste. Denn die beliebte Petitesse des schwedischen Kompositionsprofessors Jan Sandström „Sångtill Lotta“ ist der Versuch einer Popballade ohne Popfeeling. Jonathan Müller trug dem Rechnung, indem er das original für Posaune komponierte Stück auf der Trompete exekutierte und dabei penibel jeglichen Anklang an das Pop-Idiom vermied. Thomas Egler am Steinway des evangelischen Gemeindehauses in Bissingen blieb nichts anderes übrig, als seine Begleitung auf eine chemisch reine Tonsatz­übung zu reduzieren. Aber was hätte er auch tun sollen? Er fügte sich damit in das Konzept seines Duopartners ein, indem er auf jegliche improvisatorische Freiheiten verzichtete. Hätte er den Flügel gegen ein Keyboard eingetauscht (Pop-Piano), wäre wenigs­tens ein Hauch von Atmosphäre in diese Stimmungsmusik gekommen.

Aber man soll das Pferd ja nicht vom Schwanz her aufzäumen und hinterher etwas erwarten, was von Anfang an eindeutig in eine andere Richtung gehen wollte: Klassische Trompete mit klassischem Klavierspiel auf atemberaubend hohem Niveau war angesagt mit einem Programm, das galaktisch weit über dem musikalischen Umfeld des Ortes angesiedelt war. Es war, wie wenn ein sündhaft teures arabisches Vollblut-Rennpferd auf einer Bissinger Schafweide grasen würde. Das Konzert konnte nur zustande kommen, weil der Trompeter im Bissinger Pfarrhaus aufgewachsen ist. Eine Rezension könnte sich auf die Feststellung beschränken: „Toll war’s! Passt auf in Kirchheim, dass ihr euch um das Duo bemüht, so lange ihr es noch bezahlen könnt.“ Doch was war denn so toll? Einfach alles! Gleich der Anfang: Beide Musiker fuhren furios hinein in das wild gezackte „Concerto pour Trompette et orchestre“ des Belgiers Léon Stekke. Wobei wir froh sein konnten, dass Thomas Engler den Orchesterpart auf dem Klavier spielen musste. Seine Präzision in dem kniffligen Stück hätte selbst ein Berufsorchester nur schwerlich erreicht. So erlebten wir eine Genauigkeit des Zusammenspiels auch hinsichtlich des Ausdrucks, die schlichtweg atemberaubend war.

Das folgende Trompetenkonzert von Leopold Mozart hätte doch ein Kinderspiel sein müssen! Weit gefehlt! Es war die größte Herausforderung des Abends für das Duo. Wie soll ein Pianist den frühklassischen Orchesterklang auf einem ausgespielten, müden Flügel darstellen? Rein unmöglich! Wie soll der Solist seiner wertvollen hohen Trompete den milden Glanz einer ventillosen Clarine entlocken? Völlig utopisch! Die Musiker taten das einzig Mögliche in dieser Situation: Sie retteten sich ins Sportliche und in die Lautstärke. Trotz strapazierter Ohren – das Publikum war’s zufrieden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass wir die beiden Virtuosen in ein paar Jahren auf CD hören werden mit Hammerflügel und Clarintrompete. Blutjung wie sie sind, haben sie noch viele musikalische Abenteuer vor sich.

Mit dem ersten Klaviersolo schlug die Stunde der Wahrheit für Flügel, Pianist und Programm. Man hätte schon gerne erfahren, um welches Präludium von Bach es sich handelte, das in der Bearbeitung von Franz Liszt so grandios heruntergedonnert wurde. Obwohl vom ersten markerschütternden Bassschlag (tiefster Ton des Klaviers) bis zum jagenden Figurenwerk alle Gedanken an die Herkunft des Stücks weggescheucht waren von der großartigen Tastenkunst des Pianisten. Er zauberte die Illusion eines Konzertflügels herbei. Ach ja, die Vorlage war Bachs Präludium und Fuge a-Moll für Orgel.

Bei den Sinfonischen Etüden von Robert Schumann war es hoch spannend zu erleben, wie der Komponist nach seiner persönlichen Sprache sucht und immer mehr zu ihr findet. Das hat der Pianist sehr schön nachgezeichnet - mit dem Instrument zum Teil, aber manchmal auch gegen den Flügel. Die Zuhörer durften in der Vorstellung alles in brillanten Konzertflügelklang verwandeln, was im Gemeindehaus über Mezzoforte hinausging und in Lärm endete – und das war nicht wenig bei diesem „Schumann“. Noch krasser war es beim Konzertstück für Trompete und Klavier von Wassily Brandt, dem russischen „Maurice André“ des 19. Jahrhunderts. Er muss ein wahrer Hexenmeister auf seinem Instrument gewesen sein. Jonathan Müller blieb dem Stück nichts schuldig. Nonchalant führte er die aberwitzigsten Trompetenkunststücke vor – mit und ohne Dämpfer, Flatterzunge und Finessen sonstiger Art. Als Schlussstück dann eine Sonatine (dass ich nicht lache), ein Kabinettstück höchsten Grades für Trompete solo von Heinz Werner Henze. Es war der absolute Höhepunkt des Konzertes. Jonathan Müller zeigte, wie sehr er seit seinem letztjährigen Konzert in Bissingen gereift ist, nicht nur technisch, sondern auch musikalisch. Fast möchte man ihm wünschen, dass es dabei ein wenig langsamer geht. Aber bisher scheint er noch alles mit Humor zu nehmen. Möge es so bleiben.