Lokale Kultur

Atemberaubend schöner Klang

Neuapostolischer Projektchor überzeugte in der Weilheimer Peterskirche

Weilheim. Da haben sich viele verwundert die Augen gerieben: ein neuapostolischer Projektchor in der Peterskirche Weilheim mit einem Gospelkonzert. Wer in der überfüllten Kirche saß, sah einen stattlichen

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Chor von rund 80 Stimmen im Alter von 15 bis 75 Jahren vor sich. Er entwickelte vom ersten Ton an einen atemberaubend schönen Klang, rhythmisch absolut sicher und so beseelt, dass der Funke sofort übersprang.

Wie konnte das zustande kommen, wo doch die beiden Begleiter Pete Lee am Keyboard und der Schlagzeuger Markus Huber sich so weit zurücknahmen, dass sie unter ihren Möglichkeiten blieben. Der Blick auf die Dirigentin Martina Sturm konnte auch nicht weiterhelfen. Ganz normal schlug sie ihren Takt, ohne jede Faxen, keine Spur von Show. Wer aber auf den Chor schaute, konnte entdecken, dass sich zwischen Dirigentin und Sängern eine Kommunikation abspielte, die weit über das hinausging, was man gemeinhin als „Zusammenhalten eines großen Apparates“ bezeichnet. In den Augen und Stimmen der Chorsänger spiegelte sich wider, was von der Dirigentin ausging: ansteckende Musikalität, kontrolliertes und begeistertes Stimmbewusstsein, ausdauernde Disziplin in der Intonation, sicheres Gespür für musikalische Spannungsverläufe und vor allem eine völlig unangestrengte Konzentration auf die wunderbare Musik.

Ausstrahlung und Überzeugungskraft lassen sich kaum erlernen; entweder man hat es oder hat es nicht. Martina Sturm kann diese Begabung so glücklich entfalten, weil sie (es klingt zwar paradox) sich in harter Arbeit das Handwerkszeug erarbeitet hat.

Aufgewachsen als Organistin in der Neuapostolischen Kirche bildete sie sich ständig weiter und legte mit einer Sondergenehmigung des Landeskirchenmusikdirektors die Evangelische C-Prüfung ab. „Unter Ihnen würde ich auch gerne singen,“ war sein Fazit.

Nun braucht auch eine noch so begabte Persönlichkeit fürs Konzert tüchtige Mitarbeiter. An solchen hat es in Weilheim nicht gefehlt. Angefangen bei Bezirksvorsteher Kappler, der mit trefflichen Worten den Rahmen des Abends umriss und sich bei der Evangelischen Kirchengemeinde mit Pfarrer Brändle an der Spitze für die Gastfreundschaft bedankte. Vor einer Generation noch wäre es ja undenkbar gewesen, dass ein neuapostolischer Chor in einer evangelischen Kirche auftritt. Wieder ist es die Kirchenmusik, die Grenzen überwindet: nicht nur zwischen den Konfessionen, sondern auch Landes- und Milieugrenzen. So stammte der erste Programmteil, die Gospelmesse (Body and Soul), vom katholisch sozialisierten steiermärkischen Komponisten Lorenz Maierhofer, und im zweiten Teil erklangen temperamentvollere Stücke von „Oslo Gospel Choir“. Eingeleitet wurde jedes Stück von einer musikuntermalten Rezitation der katholischen Sprecherin Annette Kapp, begleitet vom englischen Keyboarder Pete Lee, der nach lebenslanger Tätigkeit im Aufnahmestudio, beim Fernsehen und auf Musicalbühnen nun auch in der Kirche agierte. Vielleicht ist das der Grund, warum der eiskalte warmherzige Profi sich so zurückgehalten hatte: eine einzige Klangfarbe nur (Klavier) und bei den Intros weder harmonisches Salz noch rhythmischen Pfeffer. Ähnliches mag auch für den Schlagzeuger Markus Huber gelten, der, von nichtkirchlichen Spielfeldern herkommend, auffallend dezent, aber auch etwas temperamentlos spielte. Immerhin einer der wenigen Schlagzeuger, die den Unterschied von forte und piano kennen.

Wenig Fortune hatte die Beschallungstechnik. Eingeengt durch finanzielle Beschränkungen reichte es nur für eine einzige Mikrofonbatterie vor der ersten Reihe des Chores. Das führte zu einem sehr sopranlastigen Klangbild, denn auch die schönen Altstimmen waren viel zu leise ausgesteuert. Ganz zu schweigen von den famosen Männern, die über Lautsprecher kaum mehr zu hören waren. Ein Glück, dass die Soprane sich nicht zu verstecken brauchten. Stimmlich locker trällerten sie sich ohne jede Ermüdung durch das Programm, dass es eine reine Freude war. Die wiegenden Bewegungen wirkten nicht im Geringsten eingedrillt, sondern wirklich musikgeboren. Diese hervorragende Leistung wurde aber noch überboten vom Charme der drei Solostimmen: Christina König, Lorena Arnold und Leonie Haßfeldt, durchwegs Laiensängerinnen. – Unglaublich. Ihnen zur Seite standen in verschiedenen Gruppierungen weitere stimmbegabte Choristen. Besonders ergreifend das a cappella gesungene „Näher, mein Gott, zu dir“. Beim Schlussstück „Amen“ ging dann noch einmal furios die Post ab, und die angestaute Begeisterung der Zuhörer entlud sich in einem Beifallssturm, der nicht ruhte, bis die dritte Zugabe genossen war. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht das letzte „Halleluja“ dieses faszinierenden Chores war.