Lokale Kultur

Auf den Spuren eines Tabubrechers und Abenteuerers des Wissens

KIRCHHEIM Einen relativ interessanten Abend konnten die Besucher des jüngsten Abends der Reihe Literarischer Begegnungen im Blick auf das äußerst terminbewusst angesetzte Thema der jüngsten Veranstaltung durchaus erwarten. Am 18. April 1955, also heute vor genau 50 Jahren, starb der in Ulm geborene Physiker Albert Einstein im Alter von 76 Jahren in Princeton. Vor

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dem auch in Amerika offensichtlich noch erkennbar schwäbelnden Begründer der Relativitätstheorie, dem als "Gehirn des Jahrhunderts", als "Mythos, Kultfigur und Popikone" gefeierten Wissenschaftler wie Sibylle Mockler bei ihrer Begrüßung auflistete verneigte sich am Freitagabend im Buchhaus Zimmermann dann auch eine relativ große Gemeinde.

Entscheidend zur hohen Besucherfrequenz beigetragen hatte dabei freilich auch Jürgen Neffe, der seine völlig zurecht schon seit Wochen in allen Bestsellerlisten stehende Biografie mit dem lapidaren Titel "Einstein" nun auch in Kirchheim präsentierte. Nicht zuletzt seiner ungemein beeindruckenden Art, grandiose Inhalte grenzenlos bescheiden zu vermitteln, war es zu verdanken, dass an diesem trotz aller Schwere der im Raum stehenden Themen und Formeln sehr spannenden Abend das latent schon immer vorhandene Interesse an dem höchst unkonventionellen Wissenschaftler deutlich gesteigert werden konnte.

Bei aller fast uneingeschränkten Bewunderung, die der promovierte Bio-Chemiker Jürgen Neffe dem immerhin einmal im Verlauf des Abends tatsächlich auch explizit als "Genie" bezeichneten Wissenschaftler Einstein entgegenbrachte, beleuchtete er aber immer auch die Widersprüchlichkeit des unkonventionellen Tabubrechers, der allein durch die Kraft des Denkens maßgeblich die Welt veränderte, der er bei aller in umtreibenden Ernsthaftigkeit durchaus auch einmal mutig die Zunge entgegenstreckte.

Übermensch und ungezogenes Kind zugleich, weitsichtig und andererseits auch wieder von atemberaubender Naivität der Welt gegenüber, so zeichnete Jürgen Neffe den Abenteurer menschlichen Wissens und seine skurile Welt der Relativität. Der Biograf verneigte sich einerseits ehrfürchtig vor Albert Einsteins Geistesblitzen, zeigte sich andererseits aber auch etwas verwundert darüber, dass er der guten Akustik wegen seine gekachelte Küche vor allem dafür nutzte, um dort Geige zu spielen.

Dass die Begegnung mit dem Genie dann allerdings mit detailliertesten Informationen aus dem Reich der Pathologie ihren Anfang nehmen wird, konnte wohl tatsächlich nur erahnen, wer schon etwas hineingelesen hatte in die keinesfalls trocken oder gar langweilig daherkommende Einstein-Biografie, die Jürgen Neffe an diesem Abend ungemein effektvoll und doch zugleich auch unaufdringlich und ungemein uneitel in Szene zu setzten verstand.

In dem von Jürgen Neffe ohne weitere Vorwarnungen an den Anfang seiner Lesung im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann präsentierten Prolog konnte durchaus der Eindruck entstehen, im falschen Film zu sein und sich versehentlich für ein ganz anderes Genre entschieden zu haben. Auch wenn einer auf der Bahre liegenden Leiche zunächst nach einem unerlaubten Schnitt das geniale Hirn entnommen und von einem weiteren Leichenfledderer auch noch die Augen des Genies gleichermaßen unerlaubt aus ihrem angestammten Standort entfernt werden, handelte es sich beim Prolog nicht um den Beginn eines Krimis. Hier seziert nicht eine forensische Anthropologin an irgendeinem gerichtsmedizinischen Institut eine Leiche, sondern hier beginnt tatsächlich eine Biografie, die zurecht auch wissenschaftliche Seriosität für sich in Anspruch nehmen kann.

Mit seiner im Rowohlt Verlag erschienenen Biografie konnte sich Jürgen Neffe, der schon als Autor bei GEO und Spiegel gearbeitet hatte, ungemein virtuos, kenntnisreich und enorm uneitel der Person des genialen Wissenschaftlers nähern, ohne dessen geniale Gedanken und Formeln es heute "keine CD-Player, keine Digitalkameras und keine Satellitennavigation" gäbe, wie Sibylle Mockler in ihrer Einleiutung feststellte.

Dass der Erfinder der Relativitätstheorie keinesfalls der Vater der Atombombe ist, belegte Jürgen Neffe an diesem Abend über jeden Zweifel. Auch wenn er zunächst nur den aufwühlenden und möglicherweise magenbelastenden Prolog präsentiert und dann noch das erste Kapitel gelesen hatte, wollte er vor der Beantwortung der Fragen aus dem Publikum und der unvermeidlichen Signierstunde freilich sicherstellen, dass nicht nur die voller Widersprüche steckende Person Albert Einsteins an diesem Abend einigermaßen konturenscharf vermittelt wird.

Natürlich musste auch das trotz aller inhaltlichen Schwere ungemein munter daherkommende Buch noch etwas näher erklärt werden, um den schon geweckten Appetit zur Lektüre auch noch mit fundierten Informationen über die zugrunde liegende Struktur der Arbeit zu untermauern. Gewissenhaft führte der Autor daher sein geneigtes Publikum auch noch von den ersten beiden Leseproben aus quer durch das gesamte Werk. In einer aufschlussreichen Tour d' Horicon führte er seine künftigen Leser durch die einzelnen in sich geschlossenen Kapitel, die damit einen Einstig an jeder Stelle erlauben und auch Fluchtmöglichkeiten gewähren, wenn es stellenweise dann doch etwas zu wissenschaftlich werden sollte.

Dass es Jürgen Neffe gelungen ist, den Übermenschen Albert Einstein mit seiner Biografie ein Stück weit auf den Boden zurück geholt zu haben, ist sicher. Dass sich viele der Besucher nun gern in dieses Buch vertiefen möchten, ist relativ leicht vorauszusagen.