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Auf der Suche nach dem Menschen hinter der ...

KIRCHHEIM Heines Gedichte sind volkstümlich. Er rangiert gleich hinter Goethe, wenn es um den Bekanntheitsgrad geht. Wenn es um

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ULRICH STAEHLE

Vertonungen geht, so übertrifft er sogar den Dichterfürsten, der ihn bei einem Besuch anlässlich einer Harzreise so unhöflich hatte abblitzen lassen. Aber nur der "romantische" Heine wurde vom Bildungsbürgertum in Poesiealben und Gedichtsammlungen weitergetragen. Gerade in Heine-Gedenkjahren, wie letztes Jahr, als seines 150. Todestages gedacht wurde, wird dieses fragmentarische Heinebild verfestigt. Somit ist es im Jahr danach angebracht, sich diesem einseitigen Heinebild entgegenzustemmen.

Dies zu tun, ist Joachim Bark, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, auf Einladung des Kirchheimer Literaturbeirats in einer Matinee am Sonntag angetreten. Er begann seinen Vortrag über "Heinrich Heine Konstanten und Irritationen im Leben und Werk" mit einer irritierenden Sammlung von Personenbeschreibungen durch Zeitgenossen. Wie sah Heine nun aus, rund oder eingefallen, welche Augenfarbe hatte er? Aus dem Potpourri der Beschreibungen kann sich jeder sein ihm genehmes Bild heraussuchen.

Erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts verfestigte sich ein stilisiertes Bild des Dichters Heine, das wir aus Literaturgeschichten kennen. Heine hatte nun sein "Image". An dieser Imagebildung, so knüpfte Bark an, hat Heine schon zu Lebzeiten gearbeitet. Er hat als einer der ersten Schriftsteller das betrieben, was man heute "Imagepflege" nennt. Das klingt negativ. Die Eigenvermarktung war aber eine schiere Notwendigkeit, denn Heine musste von seiner Schriftstellerei leben. Er brauchte ein zahlendes Publikum. Heine schrieb zum Beispiel Briefe an Verleger, die Zitate für seine Vermarktung anboten.

Der Autor gab einen Einblick in sein "Gemütslazarett". Wie Büchner diagnostizierte er einen "Riß" in der Seele, entwarf von sich selbst das Bild eines zerrissenen Dichters. Er sucht in der Übergangszeit des Feudalstaats zu einer zumindest wirtschaftlichen Herrschaft des Bürgertums seine Position. Er sieht sich als Freiheitskämpfer, als Republikaner mit geradliniger Gesinnung. In einem Fresko-Sonett geißelt er die Spießbürgergesellschaft. Er kritisiert scharf doch in der Form eines Sonetts, also in einer hochartifiziellen klassischen Gedichtform.

Und damit tut sich ein Zwiespalt auf: Heine war ein Befürworter der Revolution, fürchtete aber die Folgen, ein primitives Proletentum, denn er hatte ein ausgeprägtes aristokratisches Verständnis von Dichtung. Es war ihm eine Schreckensvision, dass man einmal mit dem Papier, auf dem seine Gedichte gedruckt sind, Heringe einpacken würde. Aus diesem aristokratischen Kunstverständnis heraus konnte sich Heine auch nicht der äußersten Linken anschließen, die für freie Wahlen und eine völlig andere Verfassung kämpfte. In seinem "Gemütslazarett" stellt Heine noch den Zwiespalt zwischen dem romantisch-katholischen Traditionsstrom und der an der Antike orientierten Klassizität (eines Goethe) fest. Aus diesem Zwiespalt ergeben sich Brechungen von romantischen Stimmungen schon in den frühen Gedichten. Soweit Heines Selbststilisierung.

Doch welches Heinebild ist für den Leser von heute angemessen? Joachim Bark arbeitete heraus, dass Heine kein Dichter ist, der über der Realität schwebt, sondern Dichter und Zeitgenosse. Diesen Zwischenstand reflektiert er selbst. Daraus ergibt sich, dass alle Gestalten literarisch stilisiert sind. Deshalb sollten, so der Literaturwissenschaftler Bark, Literaturgeschichten nicht vorschnell Ich-Äußerungen als Äußerungen Heines nehmen. Heine stilisiert sich als literarisches Ich. Das kommt auf dem Literaturmarkt gut an, zusammen mit den vielen Anspielungen auf Zeitgenössisches. Doch ob Heine ernst oder ironisch spricht, das ist immer nur im Einzelfall zu entscheiden.

Als Konstanten der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts konstatierte Bark die Unbürgerlichkeit Heines. Auf der anderen Seite irritiert, dass er mit seiner christlichen Taufe, seinen Bewerbungen um ein Staatsamt und seiner heimlichen Bewunderung für seinen Onkel Salomon eine Sehnsucht nach Aufnahme in das verspottete Bürgertum ahnen lässt.

Das folgende Jahrzehnt in Paris ist ebenfalls geprägt vom Spagat zwischen verschiedenen Positionen. Er berichtet den Deutschen über Frankreich und den Franzosen über Deutschland. Bei aller Ironie ist dies eine mutige Pionierleistung in einer historisch kriegsschwangeren Situation. Poetisch versucht er als einer der Ersten so etwas wie Großstadtlyrik. Die Gedichte tragen jetzt als Titel die Namen von Pariser Prostituierten unerhört. Man vergleiche damit die feierlichen Dichtungen Platens oder auf der anderen Seite die politische Tendenzliteratur eines Herwegh und Börne. Heine bleibt gegenüber dem unkünstlerischen Eifer distanziert, lehnt Börnes "gereimte Zeitungsartikel" ab.

"Heines Schmerzen", so könnte man die Leidenszeit der letzten Pariser Jahre überschreiben. Aufgrund einer luetischen Erkrankung vegetierte er gelähmt acht Jahre lang dahin. Sein Weltbild verdüsterte sich zu einem geschichtsphilosophischen Pessimismus. Es entstehen Gedichte, die keinen Eingang in die Goldschnittpoesie gefunden haben, aber den Gipfel von Heines Lyrik bedeuten. Verzweiflung und Anklage sprechen aus Versen wie diesen: "Woran liegt die Schuld? Ist etwa / Unser Herr nicht ganz allmächtig? / Oder treibt er selbst den Unfug / Ach, das wäre niederträchtig". Hier hat also die Heinerezeption noch Nachholbedarf, hier gibt es noch poetische Schätze zu entdecken. Joachim Bark fasste schließlich das aktuelle Heinebild zusammen: Heinrich Heine ist und bleibt der größte Lyriker seit Goethe, ist aber nach wie vor nicht festlegbar. Ganz bestimmt hat er eine neue Literaturgattung begründet: die politische Publizistik.

Das war alles andere als ein trockener Gelehrtenvortrag, was den Zuhörern im proppenvollen "Schulsaal" des Max-Eyth-Hauses geboten wurde. Professor Bark sprach auf der Grundlage seiner langjährigen Heineforschung frei, souverän und lebendig und machte damit Appetit auf weitere Heinelektüre über die Texte hinaus, die als Begleitlektüre zum Vortrag verteilt worden waren. Dieser Appetit führte nach dem Vortrag zu der Frage, was man sich anschaffen sollte, um Heine zu lesen. Leider sind die von Bark selbst herausgegebenen Texte (mit Kommentaren) vergriffen. Er empfahl unbedingt eine Ausgabe mit Kommentaren wegen der zeitgenössischen Anspielungen. Und eine mindestens dreibändige Ausgabe sollte es sein.