Lokale Kultur

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück

Theater-AG des LUG präsentierte packende Neuinterpretation von Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Kirchheim. Was ist Glück? Sich mit viel Geld Gerechtigkeit zu erkaufen? Das dachte sich zumindest Claire Zachanassian, als sie zurück in ihren Heimatort kommt, um Rache an Alfred Ill zu nehmen, der sie in ihrer

Renate schattel

Jugend geschwängert und danach die Vaterschaft geleugnet hatte, der Zeugen bestach und Claire ins Unglück trieb, sodass sie als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdienen musste, bis sie durch Heirat zu einem Vermögen kam. Dieses Vermögen bietet sie den Bürgern ihrer Heimatstadt dafür, dass sie Alfred Ill in den Tod treiben, was die Bürger natürlich ablehnen, bis sie aufgeweicht sind von ihrer Habgier.

Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ wurde 1956 uraufgeführt und 2010 Sternchenthema im Abitur. Dass es einen ganz neuen Zugang zu diesem Stück gibt, bewies die Theater-AG des Ludwig-Uhland-Gymnasiums. Die 24 Schülerinnen und Schüler holten mit ihren Leiterinnen Nadine Küster und Anne Weber das Stück ins Heute und schufen mit einer spannenden und fantasievollen Inszenierung eine packende Neuinterpretation. Die Bürger heute bewegt die Suche nach Ausbildungsplätzen, die Kaufsucht oder das Verlassen werden in einer Liebesbeziehung. Doch damals wie heute eint die Verführbarkeit durch Geld, das einen zumindest „angenehmer unglücklich sein lässt“.

Sinnbildlich vereint und verschmolzen trat das Schauspielkollektiv auf die Bühne und bestach durch präzise Performance und bedeutsame Gesten in mehrfach wiederkehrenden Tanzformationen. Eindrucksvoll mimte die gesamte Gruppe den Prozess der Manipulation und beeindruckte mit herausragenden Einzelleistungen. Mit einem Paukenschlag stieg Laura-Ann Leibold als Claire Zachanassian aus der Hebebühne und realisierte ihre Rolle durch beeindruckende Bühnenpräsenz.

Michael Schleich entwickelte die Figur des Alfred Ill vom sorglosen Lebemann zum Gezeichneten folgerichtig. Vier Spielgruppen stellten in variierenden Szenen das alltägliche Leben der Leute mit ihren Problemen dar und ließen sich stückchenweise auf Claires Anstiftung zum Mord an Ill ein, zeichenhaft zu erkennen an den gelben Schuhen und dem Zurechtrücken von Figuren auf einem Flipchart.

Während Claire auf einem Hochsitz thront und gelassen das Geschehen verfolgt, treffen sich verschiedene Leute und philosophieren über Glück und soziale Gerechtigkeit (Isabelle Peyker, Joscha Richter, Camilla König, Venu Srikanthan). Es stößt eine Ausreißerin (Alina Schuster) auf eine Pfarrerin (überzeugend Johanna Eisinger). Man bekommt Einblick in die Familie Ill (als Ehefrau gekonnt aufgetreten Marlene Rau, schön kindlich Alisa Schaal und Carolin Schwager), man erlebt hautnah einen Boutiquebesuch (Lilly Großstück, Sarah Büttner, Jule Schneider) und erleidet den Liebeskummer eines Barbesuchers (Sedat Dilbaz) mit. Kneipenwirt (Felix Hinneberg) verköstigt resolut den Kommissar (Max Riewe) und weitere Gäste (Nathalie Müller, Cristina Demerzi, Lisa-Marie Spitzberger, Lisa Egler, Katharina Grau, Kim Ries, Chiara Knöpfle).

Die Kneipentische sind Pappkartons, die Sitze billige Klappstühle. Das Bühnenbild lebt von kargen, dafür bedeutungsvollen Requisiten (Nicole Baisch), in Szene gesetzt durch die schauspielerische und choreografische Leistung der Theater-AG. Passende Alltagskleidung, die sich im Laufe des Abends zu teurer Garderobe wandelt (Kostüme: Constanze Weeth), verleiht dem Stück das Jedermann-Gefühl.

Glücksgefühle kommen immer wieder auf, wenn die Gruppe in Sprechgesängen ihre Formationen aufbaut, in Reih und Glied rezitiert und liegend Claire auf Händen weiterreicht. Was also ist Glück? Mit Sicherheit, in diesem Theaterstück gewesen zu sein. Mehr noch: mitgespielt zu haben, am Meisten: das Stück zu dieser gelungenen Inszenierung gemacht zu haben.

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