Lokale Kultur

„Auf der Suche nach Licht“

Renate Schattel präsentiert in einer Romanbiografie die Kirchheimer Kunstmalerin Anna Maria Benz

Kirchheim. Die im Stieglitz-Verlag in Mühlacker aktuell aufgelegte Neuerscheinung über die Kunstmalerin Anna Maria Benz aus Kirchheim trägt nicht nur höchst interessante

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WOLF-DIETER TRUPPAT

biografische Züge einer faszinierenden Persönlichkeit und anerkannten Künstlerin, sondern kann auch Bezüge zu der ambitionierten Autorin aus Kirchheim nicht verleugnen.

Die im Kirchheimer Stadtarchiv arbeitende Diplom-Bibliothekarin Renate Schattel schreibt in ihrem im württembergischen Barock angesiedelten Erstling kenntnisreich und durch erkennbar intensives Quellenstudium abgesichert über eine spektakuläre Entdeckung, die eine fiktive Kunsthistorikerin im Kirchheimer Stadtarchiv macht: Wie sich überraschenderweise herausstellt, stammen die drei barocken Porträts in der Kirchheimer Martinskirche, die bislang dem Kunstmaler Sebastian König zugeschrieben wurden, in Wirklichkeit von einer Frau namens Anna Maria Benz, die Renate Schattel mit ihrem Buch an Lokalgeschichte interessierten Lesern ungemein nahe bringt.

Auf rund 200 Seiten zeichnet Renate Schattel ein konturenscharfes Bild der als Tochter eines einfachen Hofschreiners im 17. Jahrhundert aufgewachsenen Kirchheimer Künstlerin, die in künstlerischen Kreisen hoch geachtet, von Neidern aber auch diffamiert wurde. In der Zeit des Absolutismus und Pietismus stieg Anna Maria Benz schon früh zu einer gefeierten Kunstmalerin auf, die neben den drei für die Kirchheimer Martinskirche gemalten Porträts auch zahlreiche Bilder für Honorationen und Adlige aus ganz Württemberg herstellte, wobei auch Porträts für Herzog Eberhard Ludwig und seiner Gemahlin zu den mit großer Begeisterung wahrgenommenen Kunstwerken zählten.

Im Aufrag des Kaisers malte sie 1717 schließlich auch die von ihrem Mann, dem Kartografen Cyriak Blödner, entworfene Landkarte des „Theatrum Belli Rhenani“. Lebendig und anschaulich beschreibt Renate Schattel in ihrer auf über zehn Jahren währenden Recherchen basierenden Romanbiografie das außergewöhnliche und doch so alltägliche Leben dieser berühmten und geschickten Kunstmalerin und ihrem Aufstieg in eine von Männern dominierte Welt.

Ursprünglich als Beitrag für die Schriftenreihe des Kircheimer Stadtarchivs geplant, war die wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Quellenlage über die Kirchheimer Kunstmalerin Anna Maria Benz doch nicht ergiebig genug. Über zehn Jahre lang beschäftigte sich Renate Schattel mit dem Leben der sie ungemein faszinierenden Persönlichkeit, über die sie dann doch immer mehr Material in die Hände bekam, das es ihr möglich machten, das Leben der Künstlerin und ihren Werdegang fantasievoll und doch realitätsnah aufzuzeichnen.

Dass ihr das überzeugend gelungen ist, belegt die fast unglaubliche Erfolgsgeschichte ihres eingeschickten Manuskriptes. Renate Schattel wählte schließlich den Verlag ihres Vertrauens ganz gezielt und vor allem auch und exklusiv aus. Überzeugt davon, dass der Stieglitz-Verlag in Mühlacker die richtige Adresse für ihre Romanbiografie sein müsse, schickte sie ihre Unterlagen gezielt dorthin und bekam schon drei Tage später von Geschäftsführerin Brigitte Wetzel-Händle grünes Licht. In einer Auflage von 1000 Exemplaren liegt der 200 Seiten starke Band nun vor, der im örtlichen Buchhandel und über das Internet abgerufen werden kann. Die Epitaphe, die in der Martinskirche zu sehen sind, waren der Ausgangspunkt für Renate Schattels umfassende und über viele Jahre sich erstreckenden Recherchen.

Wie die im Buch dargestellte fiktive Kunsthistorikerin Angelika Riess erlag offensichtlich auch Renate Schattel dem Reiz der beiden in der Martinskirche zugänglichen übermannshohen Epitaphe, für die ein Kunstsammler aus den Vereinigten Staaten im Internet immerhin die stolze Summe von 50 000 Euro geboten hatte. Bei ihren Recherchen entdeckt die fiktive Kunsthistorikerin Angelika Riess Interessantes über die selbst im fernen Amerika offensichtlich bestens bekannten beiden Epitaphe der Martinskirche. In stundenlangem Aktenstudium kann die von Renate Schattel frei erfundene Kunsthistorikerin auch noch belegen, was Sachverständige vor langer Zeit schon gemutmaßt hatten. Eine Rechnung über die Ausmalung der Kirchheimer Martinskirche nach dem verheerenden Stadtbrand von 1690 bestätigt, dass nicht der berühmt-berüchtigte Kunstmaler Sebastian König für die Gemälde verantwortlich zeichnet. Wegen Majestätsbeleidigung war er im Jahr 1702 gemeinsam mit seiner der Hexerei bezichtigten Frau „mit Schimpf und Schande aus dem württembergischen Herzogtum gejagt worden“.

Eine Abrechnung aus dem Jahr 1710 belegt aber über jeden Zweifel, dass die 300 Jahre lang dem Kunstmaler König zugeschriebene Malereien in der Martinskirche von der damals gerade 16 Jahre alten talentierten Anna Maria Benz stammen, die dafür 16 Gulden erhalten hatte. Gemeinsam mit ihrer fiktiven Kollegin Angelika Riess begab sich Renate Schattel auf eine Jahre währende akribische Spurensuche, der ein interessantes und mit viel Lokalkolorit ausgeschmücktes Porträt der Kunstmalerin aus dem Württembergischen Barock zu verdanken ist. Trotz intensivster Recherchen konnte Renate Schattel außer den drei in der Martinskirche zu sehenden Arbeiten von Anna Maria Benz allerdings keine weiteren der von Anna Maria Benz gemalten Bilder in den Inventurlisten nachweisen.

Da Gemälde zu dieser Zeit nicht zwingend signiert wurden, ist ein Nachweis der jeweiligen Künstler ungemein schwierig. Auch viele Fragen zur Ausbildung der talentierten Kirchheimer Künstlerin Anna Maria Beck und über ihre Nürnberger Zeit lassen sich nicht gesichert beantworten. Trotzdem ist es Renate Schattel gelungen, aus den ihr zur Verfügung stehenden keinesfalls üppigen Quellen ein spannendes und kurzweiliges Porträt der geheimnisvollen Künstlerin zu schaffen und damit Kirchheimer Stadt- und Kunstgeschichte interessant und lesenswert aufzuarbeiten.