Lokale Kultur

Auf der Suche nach Wahrhaftigkeit

Württembergische Landesbühne präsentierte Jean Baptiste Molières „Menschenfeind“ in der Stadthalle

Kirchheim. Wenn ein Stück eines viel gespielten „klassischen“ Dichters wie Jean Baptiste Molière heutzutage auf die Bühne gebracht werden soll, so gilt es für die Regie wie für das Ensemble, dem Stoff eine unverwechselbare Handschrift zu verleihen und mithin den Eindruck

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ERNST KEMMNER

eines „déjà vu“ zu vermeiden. Dies ist Manuel Soubeyrand und seinen Akteuren der Württembergischen Landesbühne Esslingen mit seiner Inszenierung dieser Tragikomödie in der sprachlichen Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens zweifelsohne gelungen. Dass darin, möglicherweise aus dramaturgischen Erwägungen, auf die Figur der Eliante verzichtet wird und in der Form in der Originalfassung nicht vorhandene Monologe von Alceste und Philinte eingebaut werden, sei nur am Rande bemerkt.

Alceste (Robert Eder) hat das gesellschaftliche Leben, das geprägt ist von Oberflächlichkeit, Heuchelei, verlogenen Schmeicheleien, Falschheit und eitler Selbstdarstellung gründlich satt. Er lehnt den seichten Zeitgeist ab, ist kompromisslos in seiner Geisteshaltung und bleibt selbst bei drohenden Nachteilen unverbrüchlich bei seiner Einschätzung, auch gegen den Rat seines Freundes Philinte (Roman Hemetsberger), der eher dem Kompromiss zuneigt und ihm empfiehlt, „die Menschen so zu nehmen wie sie sind“. Wegen seiner harschen Einstellung bereits in einen Prozess verwickelt, zieht Alceste sich weiteren Ärger zu, als er sich standhaft weigert, dem blasiert selbstverliebten Gelegenheitsdichter Oronte (Dietrich Schulz) für ein von ihm verfasstes Sonett hohes Lob zu zollen. Dieser zieht nun wegen Rufmordes und übler Nachrede gegen den Standhaften vor Gericht.

Alcestes einzige Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit besteht darin, dass er sich ausgerechnet in die kokette und überaus lebenslustige zwanzigjährige Witwe Célimène (Katharina Vana) verliebt hat, obwohl er insgeheim weiß, dass sie seinem moralischen Rigorismus nicht genügen kann. Sie hat in Oronte und den beiden Marquis Acaste (Ulf Deutscher) und Clitandre (Markus Tomczyk) weitere Verehrer, die sie wie Satelliten umkreisen. Als Gift sprühende und doppelzüngige, angebliche „Freundin“ Célimènes mischt noch Arsinoé (Ute Seraina Schramm) kräftig im allgegenwärtigen Verwirr- und Ränkespiel mit. Célimènes Oberflächlichkeit und Tändelei im Umgang mit ihren Verehrern wird schließlich von den Marquis enttarnt, und sie muss ihre infamen Liebesintrigen einräumen. Alceste, der sie immer noch liebt, ist bereit, ihr unter der Bedingung zu verzeihen, dass sie ihm in die Einsamkeit, weitab von der korrupten Gesellschaft, folgt. Célimène lehnt das Angebot ab.

Manuel Soubeyrands Inszenierung kann im Umgang mit diesem dramatischen Stoff in fünf Akten unter Verzicht auf eine Pause vor allem durch dramatischen Elan und Originalität überzeugen. Die Bühne (Michaela Springer) erscheint als Partyzelt mit Getränkekisten, Discosound aus dem Ghettoblaster, was ebenso wie die überdimensionierte Bar in der Schlusseinstellung auf den hemmungslosen Amüsierbetrieb in der Spaßgesellschaft verweist, die Alceste so vehement ablehnt. Die Kostüme (Jenny Schall) wirken überaus einfallsreich und tragen indirekt zur Charakterisierung der handelnden Personen bei. Célimène tritt abwechselnd grell geschminkt, in flammend- erotischem Rot oder im Schwarz des männermordenden Vamps auf und damit in starkem Kontrast zu Alcestes schlichtem, anthrazitfarbenem Overall und seinem weichen schwarzen Bowlerhut. Weitere „Hingucker“ sind der dandyhafte Aufzug des gewagt toupierten Oronte, die topmodisch herausgestylten Marquis Acaste und Clitandre oder die im Chanelkostüm als verwelkte Schönheit, aber stets auf Männerpirsch über die Bühne wirbelnde, geltoupierte Arsinoé. Der weltläufige und anpassungsbereite Philinte als modischer Gegenpol zu Alceste agiert im Seidenanzug, trägt Pferdeschwanz und glänzt vor allem in seiner Rolle als monologisierender Prozessberichterstatter. Dabei imponiert er in seiner Erzählerrolle mit mimischem Talent, als er trotz zusammengebissener Zähne perfekt artikuliert, was ihm Beifall auf offener Szene eintrug. Überhaupt können alle Akteure bis hinein in die Nebenrollen durch ausgeprägtes schauspielerisches Können, bisweilen sogar durch überraschende Tanzeinlagen, gefallen. Als Beispiel seien Ulf Deutscher und Markus Tomczyk genannt, die teils als abgedrehte Yuppies und Partylöwen, teils als clowneske, beschwipste Corpsstudenten daher- kommen oder etwa Ralph Hönicke in seiner Dreifachrolle als steifer, mit modernstem Handy ausgestatteter Basque, als chargierend lautstarker Gardist oder als Alcestes roboterhaft sprachgehemmter Diener Dubois

Vertreter der „reinen“ Theaterlehre könnten vielleicht kritisch anmerken, dass Manuel Soubeyrands Realisierung des Molièrestoffs zu häufig in farcenhafte Komik abdriftet, dass allzu oft das burleske, ja groteske Element in den Vordergrund gerückt wird und dadurch das Doppelbödige der literarischen Vorlage verloren geht. In der Tat spielt Alcestes tragische Komponente als sozialer Aussteiger, als Gesellschaftsverweigerer auf verlorenem Posten, die von Goethe ja so sehr betont wird, bei Manuel Soubeyrand nur eine untergeordnete Rolle. Dem Publikum war’s egal – es war durchweg amüsiert und honorierte die schauspielerische Gesamtleistung der Württembergischen Landesbühne mit langem Beifall.