Lokale Kultur

Auf "Schlachtfeldern der Gedanken" und im "Wohlduft der Schmeichelei"

KIRCHHEIM Still bewundert und verehrt, gefürchtet und verboten polarisierte der wohl bedeutendste deutsche Dichter zwischen Romantik und Realismus, Heinrich Heine, wie kaum ein anderer. Am 17. Febru-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

ar 1856 starb der "Lyriker von Weltruhm", den Geschäftsführerin Sybille Mockler in ihrer Einführung im Buchhaus Zimmermann zugleich auch als "modernen, scharfzüngigen, blitzgescheiten Essayisten und Journalisten" und nicht zuletzt auch als "geistreichen und äußerst lebendigen Erzähler" würdigte.

Rudolf Guckelsberger verneigte sich im vollbesetzten Haus mit dem Gedicht "Die Heimkehr 1823 1824" zunächst auch ehrfürchtig vor dem Lyriker nicht zuletzt auch deshalb, um "mit dieser Art mozartscher Ouvertüre" auch gleich noch "einen anderen Jubilar zumindest in einem Halbsatz erwähnen" zu können. Nicht den Spötter und Ankläger eines viel zu engstirnigen Deutschlands wollte Rudolf Guckelsberger aber in den Vordergrund seines sorgfältig ausgewählten und zusammengestellten Programms stellen, sondern den Menschen Heinrich Heine.

Statt frecher Gedichte und politischer Polemik stellte Rudolf Guckelsberger die Memoiren und Geständnisse Heinrich Heines in den Mittelpunkt seiner Annäherung an einen Dichter, der sich bis zuletzt bei aller körperlichen Versehrtheit eine eindrucksvolle geistige Rege bewahren konnte. Voller Esprit und Wortwitz meldete sich damit im Elend des Krankenlagers der nicht ohne Grund einst gefürchtete Humanist und Freiheitskämpfer zu Wort, der von vielen freilich auch nur als "kränkelnder Troubadour in Loreley-Seligkeit" abgetan wurde. Von der Milde der Altersweisheit bewegt, setzt er dazu an, das "Märchen seines Lebens" zu erzählen, kann den messerscharfen Beobachter und süffisanten Spötter dabei aber nie ganz verleugnen.

Dass er die Franzosen "nie so sehr geliebt, wie sie es verdient hätten", räumt Heine ein, der sich auch dazu bekennt, "gegen die französische Poesie" am ungerechtesten gewesen zu sein, was er mit seinem vernichtenden Urteil über französische Hexameter nachdrücklich belegt. Sie sind für ihn "gereimtes Rülpsen" und "wahrhaft ein Abscheu".

Im milden Blick zurück letztlich doch eher amüsiert, durfte Heinrich Heine dann zunächst die verschiedenen von seiner Mutter für ihn bestimmten Karriereträume Revue passieren lassen, wobei offensichtlich "die merkantilische Seifenblase noch schneller und kläglicher platzte als die imperiale". Auch wenn er geduldig das "Manna ihres Wissens einschlürfte", blieb die Jurisprudenz für Heine immer die "illiberalste Wissenschaft", die den Räuber erst in die Lage versetzt, ungerechterweise das mit dem Schwert Erbeutete auch noch durch Gesetze zu schützen.

Nachdem die Mutter "nach so manchem Fiasko die Oberleitung" seines Lebens aufgegeben hatte, kümmerte sich sein Oheim Simon de Geldern entsprechend um Wohl und Wehe des nachweislich auch ihn nicht allzu ernst nehmenden Anverwandten. Dass die Schönheit seines Vaters, der "auch in seinen späteren Jahren der altfränkischen Mode des Puders treu blieb" für ihn immer auch "etwas Charakterloses, fast Weibisches" hatte, ließ Heinrich Heine ebenfalls nicht unerwähnt. Unbarmherzig mokiert er sich dann auch darüber, dass seines Vaters Funktion als "Proviantmeister" bei den Franzosen mit dem wohlklingenden "officier de bouche" bezeichnet, von den Preußen dagegen ohne Pardon mit dem für ihn ganz besonders gut passenden "Mehlwurm" auf den Punkt gebracht wird.

Immer dann, wenn sein Vater "als kommandierender Offizier die Hauptwache zu beziehen und für die Sicherheit der Stadt zu sorgen" hatte, floss stets "eitel Rüdesheimer und Aßmannshäuser von den trefflichsten Jahrgängen", wodurch Düsseldorfs Lage als eher bedenklich angesehen werden musste. Heinrich Heine verdeckte das keinesfalls mit dem Mantel der Diskretion, sondern bescheinigte dem Vater vielmehr "himmelblaue Heiterkeit und Fanfaren des Leichtsinns" sowie "eine Sorglosigkeit, die des vorigen Tages vergaß und nie an den kommenden Morgen denken wollte".

Interessssant war auch der von Rudolf Guckelsberger gestattete Blick auf Heinrich Heines Beziehung zur Religion und zu den Frauen, Bereiche, die sich in diesem speziellen Fall durchaus überlagern. "In der Liebe gibt es wie in der römisch-katholischen Religion ein provisorisches Fegerfeuer, in welchem man sich erst an das Gebratenwerden gewöhnen soll, ehe man in die wirkliche ewige Hölle gerät", lautet Heinrich Heines Überzeugung. Die "Frauenliebe" empfand der empfindsame Dichter und eloquente Denker als eine "schreckliche Krankheit", angesichts derer "erfahrene Ärzte zu Ortsveränderung raten", da sie meinen, "mit der Entfernung von der Zauberin zerreiße auch der Zauber".

Heinrich Heine ist freilich überzeugt, dass "das Prinzip der Homöopathie, wo das Weib uns heilet von dem Weibe, das probateste" sei. Töricht wäre "wenn man einem Liebeskranken anrät, den Anblick der Schönen zu fliehen und sich in der Einsamkeit an der Brust der Natur Genesung zu suchen". Da an dieser grünen Brust nur Langeweile zu finden sei, rät er Liebeskranken eher dazu, "an ganz andren und sehr weißen Brüsten" wenn nicht Ruhe, so doch "heilsame Unruhe" zu suchen, denn das wirksamste Gegengift "gegen die Weiber sind die Weiber", lautet Heinrich Heines wohl auf vielfältiger Erfahrung basierende Erkenntnis. Sich auf eine Redensart seines weinseligen Vaters berufend, stellte er fest, dass auch in diesem Falle völlig zurecht gedacht werden könne: "Jetzt muss man ein neues Fässchen anstechen".

Das Gedenken an den 150. Todestag vollzog sich in einer würdigen und vor allem auch Heinrich Heines Charakter gemäßen Art. Präsentierte Rudolf Guckelsberger in der Weilheier Stadtbücherei im Kapuzinerhaus mit "Deutschland, ein Wintermärchen" kurz vor dem kalendarisch verbürgten Todestag Heines wohl herausragendstes Gedicht voller politischer Häme und polemischer Spitzen gegen das Preußentum, zeigte er in Kirchheim die höchst persönlichen Befindlichkeiten des zuletzt bettlägrigen, aber immer noch blitzgescheiten Kritikers seiner Zeit und seiner Verwandtschaft.

Die Absicht, "Lust auf Heine" zu machen, wurde jedenfalls voll eingelöst. Bedauerlich ist, dass das bei Artemis erschienene Buch "Memoiren und Gedenken", das die Grundlage des munteren Abends bildete, vergriffen und wenn, dann nur noch gebraucht erhältlich ist. Dankenswerterweise gibt es aber eine einmalige Sonderausgabe, in der alle Gedichte Heinrich Heines "in zeitlicher Folge" zusammengefasst sind. Wie die beiden Heineabende in Weilheim und Kirchheim belegten, kann es zweifellos viel Vergnügen bereiten, noch einmal ganz individuell "Trauerarbeit" zu leisten und sich an Heinrich Heines Spitzen gegen die Obrigkeit, Gott und die Welt, schöne Frauen und gottlose Theologen zu erfreuen.