Lokale Kultur

Aufrüttelnde Totenklagen und leichtfüßige Tanzrhythmen

KIRCHHEIM Zum wiederholten Mal gab sich in der Kirchheimer Stadthalle vor erwartungsvollem Publikum das Guarneri-Trio Prag mit dem Pianisten Ivan Klansky, dem

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DR. ERNST KEMMNER

Geiger Cenek Pavlik und dem Cellisten Marek Jerie die Ehre. Das seit 1986 bestehende Trio wird von der internationalen Kritik einhellig als "Spitzenensemble der Kammermusikszene" gefeiert, und die drei Musiker stellten dieses herausragende Prädikat im Laufe des Abends erneut eindrucksvoll unter Beweis.

Die quasi spiegelbildlich angeordnete Programmfolge mit jeweils zwei Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Dimitri Schostakowitsch zollte den "runden" Geburtstagen dieser bedeutenden Komponisten Tribut. Beim frühen Divertimento a tre D-Dur (KV 254) beschworen die Musiker gleich im Kopfsatz die für Mozart so typische Leichtigkeit des musikantischen Seins und den heiter beschwingten apollinischen Duktus. In traumhaft sicherem Zusammenspiel mit feiner agogischer und dynamischer Ziselierung trafen sie genau den "divertierenden", das heißt in bestem Sinne unterhaltenden, Charakter der Komposition.

Im kantablen Adagio bestach insbesondere Pavliks erlesener Geigenton bemerkenswert die E-Saite in der Melodiegestaltunh. Das tänzerisch verspielte Rondeau ließ dann in jeder Phase die Musizierlust aller Protagonisten erkennen: eindrucksvoll zum Beispiel die perlenden Tonkaskaden, die von Ivan Klansky in huschender Leichtigkeit des Anschlags gespielt wurden. Alles in allem war dieses Divertimento keineswegs ein Einspielstück, in dem die Akteure ihre Form suchten. Es wurde vielmehr durchweg mit höchster Konzentration und mit filigraner Betonung musikalischer Nuancen musiziert, wobei allerdings die Klangbalance bisweilen zum Nachteil der beiden Streichinstrumente ausfiel.

Der Kontrast zum folgenden Klaviertrio e-Moll (opus 67) von Schostakowitsch hätte nicht härter ausfallen können. Dieses im Kriegsjahr 1944 entstandene Stück will nicht in erster Linie gefallen oder dem Ohr schmeicheln. Es beinhaltet vielmehr eine Totenklage, will somit aufrütteln, gar verstören. In der Interpretation durch das Guarneri-Trio wurde dieses Werk zu einem in jeder Hinsicht aufwühlenden Klangereignis.

Schon im Eingangssatz wurde in den Flageoletpassagen des Cellos, begleitet von gedämpftem Geigenton und grundierenden Klavierakkorden eine ätherisch-elegische Grundstimmung geschaffen. Sich reibende Akkorde, abgelöst von pulsierendem Stakkato machen nach und nach mit musikalischen Mitteln das furchtbare Trauma des Krieges deutlich, in dem der Komponist einen geschätzten Freund verlor.

Das scherzoartige Allegro con brio brachte für alle Instrumente spieltechnische Höchstschwierigkeiten, die bravourös gemeistert wurden. Imposant hier der temperamentvolle, körperbetonte Gestus bei den Pizzicato-Akkorden, die rhythmische Prägnanz und die traumwandlerisch sichere Abstimmung untereinander. Im Largo, einer Art Elegie für die Kriegstoten im Stile einer Passacaglia entwickelt sich aus liegenden Klavierakkorden des Satzanfangs eine ausladende Geigenkantilene, die vom Cello duettierend ausgeweitet wird und schließlich in den Trauermarsch des vierten Satzes, einem Allegretto, mündet.

Dieser ist geprägt von aggressiven Motivwiederholungen mit Ostianto-Charakter, welche mit emotionaler Wucht musiziert wurden. Besonders beeindruckend gelang der Satzschluss mit Flageolets in absteigender Melodielinie und verhauchendem Pizzicato.

Nach der Pause fand die Darbietung mit dem Klaviertrio Nummer 1 in c-Moll (opus 8) von Dimitri Schostakowitsch ihre Fortsetzung. Das einsätzige Werk weist insgesamt sechzehn Tempobezeichnungen auf und ist mit seinen häufigen Stimmungs- und Tempowechseln rhapsodisch angelegt. Schwermütige Motive wechseln rasch mit wild hetzenden Passagen, die dem Trio wiederum Großes abverlangten.

Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviertrio G-Dur (KV 564) gab es ein "Versöhnungsangebot" für die Zuhörer, denen der russische Komponist in Teilen zu anstrengend oder bedrückend war. Hier schwelgten die Musiker mit Brillanz in der Melodienseligkeit der Wiener Klassik mozartischer Provenienz. Vor allem der langsame Satz ein Andante mit seinem wunderbar kantablen Thema und den sechs ausladenden, meisterlich durchkomponierten, Variationen geriet aufs Trefflichste. Ein leichtfüßig behändes Allegretto mit ohrwurmhaftem Hauptthema im Tanzrhythmus, in denen das Trio noch einmal raffinierte dynamische Effekte setzte und einen hingehauchten Schluss zelebrierte, beschließt das Werk.

Die begeistert klatschenden Zuhörer wollten die Tonmeister aus Prag natürlich nicht ohne weiteres ziehen lassen. So gab es noch zwei Zugaben: den langsamen Satz aus einem Trio von Johannes Brahms und die hinreißend "abgelieferte" sechste Dumka aus dem Klaviertrio e-Moll (opus 90), dem Dumky-Trio von Anton¡n Dvorak. Rauschender Beifall und vereinzelte Bravorufe verabschieden das Guarneri-Trio, das man gerne ein weiteres Mal in Kirchheim erleben möchte.