Lokale Kultur

Aufschlussreiche Einblicke in die Verseschmiede

KIRCHHEIM Das an die Wand projizierte Gedicht besteht nur aus wenigen schmalen Zeilen. Sie scheinen ganz selbstverständlich niedergeschrieben. Doch der Urheber dieser Zeilen zeigt einen ganzen Packen

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ULRICH STAEHLE

beschriebener Blätter vor: alles Skizzen und Entwürfe, die bis zur Endfassung nötig waren. Der Laie staunt.

Bevor Peter Baumhauer auch nur eine Gedichtzeile in die Öffentlichkeit "entlässt", wird sie einer strengen Qualitätsprüfung unterzogen. Füllsel gibt es nicht. Mit "möglichst wenig Materialien" will er "die Aussage ins Weite drängen".

Dieser kompromisslose Umgang mit der Sprache scheint ein Grund dafür zu sein, dass Peter Baumhauers Lyrik nicht so populär geworden ist, wie sie es verdient, obwohl schon einige Gedichtbände vorliegen. Außerdem veröffentlicht er schon lange und wohnt doch sozusagen in der Nachbarschaft, in Gutenberg. Um dem aufzuhelfen und weil es schließlich seine Aufgabe ist, Literatur aus der Region zu fördern, hat der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim diesen Autoren gestern zu einer sonntäglichen Matinee ins Max-Eyth-Haus eingeladen.

Um den Zuhörern entgegenzukommen, die in erfreulicher Anzahl trotz der Schneeberge gekommen waren, wählte Peter Baumhauer die Form eines Werkstattberichtes, das heißt einer Lesung und entsprechenden Erläuterungen. "Wir sind nur Sprache, wir sind Geist und leben aus dem Logos", so weist er gleich auf das Wesentliche seiner Poesie hin. Im Umgang mit der Sprache gilt: "Mit wenig Materialien die Aussage ins Weite drängen". So bleiben, siehe Entwurfsammlung, nach langer Vorarbeit ein paar Zeilen übrig, die aber "verdichtet", vielsagend sind.

Peter Baumhauer handelt davon, was Sprache vermag, aber er beklagt auch den Verfall der ursprünglichen Sprachmagie. Metapher dafür ist der Bau des Turmes von Babel mit der Sprachverwirrung ("babels türme/ zerbrochen/ gebrochen babylons hohn"). Für Peter Baumhauer geht es nicht nur um den fahrlässigen Umgang mit der Sprache im heutigen Alltagsleben, sondern der Verlust der Sprache bedeutet den Verlust alles Menschlichen. Als studierter Theologe ist er dafür besonders sensibel und leidet.

Er spürt in seinen Gedichtzyklen Grenzerfahrungen auf, in denen dem Menschen die Sprache unverfügbar wird, im Rausch, im Irresein, in der Trauer um einen geliebten Menschen, in der Krankheit, im Tod. Deshalb taucht Hiob als Motiv immer wieder auf. Doch die Verzweiflung ist nicht grenzenlos ("schmerz/ und/-taubenscheu-/hoffen/mitten im Untergang").

Die Sprache der Liebe kann den Sprachverlust überwinden ("dein Wort - meines"). Doch es ist kein billiger Glaubenstrost, den Peter Baumhauer spendet. Die Vertreibung aus dem Garten Eden bedeutet auch die Vertreibung aus einer kräftigen Ursprache, wie sie Moses gesprochen hat. Der Kirche ist diese Sprachkraft verloren gegangen durch ständige gedankenlose Wiederholungen. Sie konzentriert sich zu sehr darauf, ihre Machtposition zu festigen. Der Umgang mit dem feinsinnigen ("erleuchteten") Drewermann ist für Peter Baumhauer ein Beispiel dafür. So erwies sich Baumhauer zwar als gläubiger Christ, doch keineswegs als naiv und entrückt, sondern kritisch und der Realität zugewandt.

Zu den Grenzerfahrungen, in denen die Sprache sinnentleert wird und somit alles Menschliche verloren geht, gehören auch Verhöre und Folter in Kabul. Die Veranstaltung im Max-Eyth-Haus schuf Nähe zu einem Autor, der sich auf die Schnelle nicht erschließt. Er erklärte Motive, beispielsweise aus der Natur, vor allem aber, da ist es am Nötigsten, aus der Bibel, erläuterte Gedichtanlässe und interpretierte seine Gedichte nach allen Regeln der Kunst, die er als ehemaliger Deutschlehrer schließlich beherrscht.