Lokale Kultur

Aus der Vergangenheit Schlüsse ziehen für Gegenwart und Zukunft

KIRCHHEIM Was lesen eigentlich Kommunalpolitiker, wenn sie nicht gerade bis über beide Ohren mit Sitzungsvorlagen zugedeckt sind, die bis zu den alles entscheidenden Beratungen der jeweils zuständigen Ausschüsse, des Ältestenrats oder des Gesamtgremiums gewissenhaft durchgeackert sein müssen. Stellvertretend für alle im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Mitglieder befragten wir im Rahmen einer kleinen Serie die vier Vorsitzenden der im Kirchheimer Ratsgremium vertretenen Gemeinderatsfraktionen.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

"No sports" ist ein von Winston Churchill übermitteltes Statement, dem sich Hagen Zweifel auch ohne diese Absolutheit nicht anschließen könnte. Sport spielte schließlich schon immer eine große Rolle im Leben des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler im Kirchheimer Gemeinderat, der auch im Kreistag kommunalpolitische Kondition demonstrierte.

Dass er zudem auch sehr belesen ist, belegte Hagen Zweifel zuletzt bei der offiziellen Würdigung seines immerhin schon eindrucksvolle 20 Jahre währenden und mit der Ehrennadel des Städtetags entsprechend honorierten ehrenamtlichen Engagements im Kirchheimer Gemeinderat. Seinem bei dieser Gelegenheit von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker aufgegriffenen kritischen Oscar-Wilde-Zitat, nach dem Erfahrung der Name sei, den man gemachten Fehlern gerne gebe, setzte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler bei dieser günstigen offiziellen Gelegenheit gleich die Weisheit des Konfuzius entgegen, der einst festgestellt hatte: "Zweifle nie, ohne zu hoffen, aber hoffe nie ohne Zweifel". Im Blick auf möglicherweise bei passender Gelegenheit gut verwendbare Zitate führt Hagen Zweifel schon seit sehr vielen Jahren gewissenhaft Buch. Wann immer er auf eine außergewöhnliche Äußerung trifft, die es ihm wert erscheint, wieder in Erinnerung gerufen zu werden, wird sie in einem eigens dafür geführten Büchlein notiert.

Wie der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Walter Aeugle, versteht sich auch Hagen Zweifel nicht als Büchermensch. Auch er ist ein bekennender Zeitungsleser, der die Freiräume seines Ruhestands einem täglichen Fitnessprogramm genauso widmet wie den an die regelmäßig absolvierten Trainingseinheiten sich anschließenden Auseinandersetzungen mit den beiden abonnierten Tageszeitungen.

Seine ungemein große Leidenschaft für Geschichte kann der Vorsitzende der Kirchheimer Gemeinderatsfraktion der Freien Wähler aber kaum verbergen. Gisela Graichens und Horst Gründers kenntnisreiche Beschäftigung mit dem Thema "Deutsche Kolonien Traum und Trauma", beschäftigt den höchst aktiven Ruheständler derzeit genauso, wie die in Tübingen zufällig im modernen Antiquariat einer Buchhandlung entdeckte und umgehend erstandene Lebensgeschichte des Poeten und Publizisten Josef Eberle.

Der legendäre Herausgeber der "Stuttgarter Zeitung" hat schließlich nicht nur einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Aufbau des Landes geleistet, sondern unter dem Pseudonym "Sebastian Blau" auch zahllose Mundartgedichte veröffentlicht, die längst Volksgut geworden sind. Hagen Zweifel kann sein Faible für Bücher, die geschichtliche Abläufe dokumentieren und verständlich machen, wie etwa "Die klassischen Sagen des Altertums" nicht abstreiten und räumt daher auch gerne ein, einen Klassiker wie das Buch "Der Kampf um Troia" schon zwei Mal gelesen zu haben. Ein wichtiger Autor ist für Hagen Zweifel auch Gerhard Konzelmann, dessen fundierte Kenntnisse über den Nahen Osten ihn immer wieder aufs Neue faszinieren.

Der Interessensschwerpunkt des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler liegt aber bei aller Weltoffenheit eindeutig auf der Geschichte der näheren Heimat. Württembergs Geschichte ist ihm bis heute das wichtigste zwischen Buchdeckeln angesiedelte Arbeitsgebiet. Ob er sich nun mit dem Wiener Kongress oder der 48er Revolution auseinandersetzt, ist ihm vor allem immer besonders wichtig, wie sich die jeweiligen weltpolitischen Ereignisse direkt auf die Geschichte der Region und vor allem auch auf die Geschicke seiner Heimatstadt auswirkten.

Dass die zu Landesfesten ausgebauten Städte Schorndorf und Kirchheim keine engere Verbindung eingegangen sind, wundert den heimatgeschichtlich höchst Interessierten durchaus, da ja beide unter Wahrung ihrer jeweiligen Eigenarten lebensfähige Kommunen geworden sind. Neben geschichtlichen Abhandlungen bildet die klassische Dichterschule das zweite Standbein der Leseleidenschaft von Hagen Zweifel, die maßgeblich von der intensiven Beschäftigung mit Ludwig Uhland und Friedrich Hölderlin aber auch Gustav Schwab geprägt wurde. Dass er keinesfalls ein Kunst- oder gar Literatursachverständiger sei, scheint Hagen Zweifel wichtig, zu betonen, der "ein gewisses Grundinteresse" nicht leugnet, aber doch auch besonders hervorhebt, "mehr an der Oberfläche" zu schürfen.

Dass heute "immer mehr Menschen von immer weniger immer mehr wissen" bereitet ihm gewisse Sorge. Hagen Zweifel erscheint nicht das fast überall und jederzeit abrufbar scheinende Spezialwissen wichtig, sondern das Erkennen von Zusammenhängen und die daraus resultierenden Erklärungen für geschichtliche Entwicklungen. Sein Interesse für Geschichte begründet Hagen Zweifel dann auch aus der darin sich bietenden Chance, aus Vergangenem und nicht mehr Veränderbarem immerhin Schlüsse zu ziehen für die Gegenwart und die Zukunft. Wie ist es möglich, dass Dinge sich entwickeln, wie sie sich entwickeln, lautet die bange Frage, die er sich vor dem Hintergrund seines intensiv wachgehaltenen Geschichtsverständnisses immer wieder stellt.

Seichte Unterhaltungsschmöker und Krimis haben da praktisch keine Chance, Beachtung zu finden. Sein vor allem zu olympischen Zeiten nicht unerheblicher Fernsehkonsum ist ebenfalls klar geregelt. Für Hagen Zweifel sind hier vor allem zwei Themen von besonderem Interesse: Nachrichten und die in politischen Magazinen gebotenen Hintergründe und natürlich Sport.