Lokale Kultur

Ausdrucksvielfalt und Brillanz

Das Guarneri-Trio Prag begeisterte das Kirchheimer Konzertpublikum erneut

Kirchheim. Zum wiederholten Mal machte das seit Langem auf vielen Konzertpodien weltweit erfolgreiche und vielfach ausgezeichnete Guarneri-Trio Prag mit Čeneˇk Pavlík (Violine), Marek Jerie (Violoncello) und

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Ivan Klánský (Klavier) in Kirchheim seine Aufwartung, diesmal mit einem Programm ausschließlich böhmischer Meister. Dabei gebärdeten sich die mittlerweile ergrauten Akteure in keiner Phase wie routinierte, ihr Pensum leidenschaftslos abspulende „Veteranen“ der kammermusikalischen Szene, sondern konzertierten mit feinem musikalischem Gespür und großem Ausdrucks- und Gestaltungswillen.

Zur Konzerteröffnung spielte das Ensemble das Klaviertrio c-Moll, op. 2 von Josef Suk (1874–1935), das dieser im Alter von 15 Jahren als veritablen jugendlichen Geniestreich voll spätromantischer Vehemenz und impressionistischer Klangschattierung komponierte. Suk wurde mit seiner originären Leistung als Komponist und Geiger lange Zeit nicht richtig wahrgenommen und figurierte nur als Schwiegersohn Antonin Dvorˇáks und Lehrer von Bohuslav Martinů. Seine Erfolgsformel beim Komponieren bestand darin, aus knappen Einfällen große Wirkungen zu erzielen, schmissige Melodien mit pointierten Rhythmen und böhmischem Kolorit zu kombinieren, was auch für das an diesem Abend vorgestellte, selten gespielte Werk gilt.

Das Trio näherte sich diesem vor jugendlichem Elan sprühenden Stück mit der gebotenen Leichtigkeit. Voller Streicherton und energisch forscher Zugriff am Satzanfang des einleitenden Allegros, zierlich verspielte Einwürfe der Violine über sattem Bassfundament von Cello und Klavier und elegant federndes Streicher-Spiccato. Große Leidenschaft des Vortrags im abschließenden, rhythmisch vertrackten Vivace, mit feiner Akzentuierung der dynamischen Kontraste, die rhythmischen Klippen souverän umschiffend und mit einem klangschön ausmusizierten zweiten Thema. Unumstrittener Höhepunkt war jedoch der Mittelsatz (Andante) mit seiner tänzerischen Eleganz und seinen Anklängen an den Tangorhythmus. Hier waren agogisch fein nuancierte Übergänge, sacht angedeutete Echowirkungen, ein süffiger Fortissimoteil und ein in gedämpftem Streicherton verhauchend retardierter Satzschluss zu vernehmen. Erster rauschender Beifall.

Das groß dimensionierte Klaviertrio g-Moll, op. 15 (1855) von Bedrˇich Smetana (1824–1884) ist aus der schwermütigen Erinnerung an den Verlust eines Kindes in frühem Alter entstanden und deswegen fast durchgehend melancholisch grundiert, aber mit unverkennbar böhmischem Tonfall versehen.

Im Vergleich zu Suk erwartete das Trio hier ein gesteigerter virtuoser Anspruch, was bereits im einleitenden Satz Moderato Assai zu erkennen war. Ein pathetisches Hauptthema, bei dem Pavlík rhapsodisch seinen sonoren G-Saiten-Ton ausspielte, Klánskýs fein gestaltete rezitative Klavierkadenz und rasantes, bisweilen tremolierendes Figurenwerk in Violine und Klavier, ein fulminantes Schluss-Accelerando, gekonnte Abstimmung aller drei Instrumente bis hin in feinste Nuancen: Dies waren hier nur ein paar der Vorzüge der Darbietung.

Auf ein kantables Allegro, ma non agitato, mit den fein ausgestalteten, trioartigen Mittelteilen (Alternativo I und II) folgte das mitreißende musizierte Finale (Presto), das seinen eigenartigen rhythmischen Reiz aus gleichzeitigen Duolen und Triolen in Melodie und Begleitung bezieht und einen trauermarschähnlichen langsamen Mittelteil hat. In diesem Satz spielte das Ensemble teilweise wie entfesselt und doch mit höchster Präzision auf, bis hin zum effektvollen und in seiner abrupten Kürze überraschenden Satzschluss. Bereits jetzt war das Publikum von der begeisternden Vortragsart des Ensembles hingerissen.

Nach der Pause erklang Antonin Dvorˇáks Klaviertrio e-Moll, op. 90 von 1890/91, das nach Art einer „Dumka“ komponiert ist, also einer Folge von in diesem Fall sechs Tänzen, die zwischen tiefer Schwermut und heiterer Ausgelassenheit oszillieren. Die ersten drei „Dumky“ gehen dabei ansatzlos ineinander über und fügen sich zu einem dreiteiligen ersten Satz, den das Guarneri-Trio in seiner schillernden Vielschichtigkeit mit ständig wechselnden Tempi, Klangfarben und Rhythmen „durchhörbar“ und somit für den Zuhörer transparent erlebbar machte. Sanfte melodietrunkene Kantilenen, chromatische Modulationen, kunstvolle Verzierungen und Umspielungen, furios temperamentvolle Ausbrüche – all dies kennzeichnete hier den souveränen Vortrag, der in der mit bezaubernder Klangschönheit musizierten dritten Dumka in A-Dur gipfelte.

Feines Ausreizen des gesamten dynamischen Spektrums, teils in gedämpftem Streicherton, und wirkungsvolle agogische „Tupfer“ kennzeichneten auch die Darbietung der nächsten, in Tempo und Charakter vielfach variierten Sätze. Betont tänzerisch und mit eindrucksvoller Schluss-Stretta präsentierte das Trio die fünfte Dumka, bevor es mit der sechsten (Lento maestoso – Vivace) auf den Höhepunkt des Konzertabends zusteuerte. Wehmütig verträumte Teile wechseln hier mit aufbrausend lebhaften Passagen, die das Ensemble spannungsvoll, mit böhmischem Furor und hinreißender Verve spielte. Frenetischer Beifall des rundum zufriedenen Publikums, das dem Guarneri-Trio noch zwei Zugaben entlockte: die wehmutsvolle, in verinnerlicht sensiblem Vortrag dargebotene Elegie Des-Dur, op. 23, von Josef Suk und das heiter unbeschwerte Allegretto scherzando aus Dvorˇáks Klaviertrio B-Dur, op. 21.