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". . . außer in der Musik war und blieb er fast immer ein Kind . . ."

KIRCHHEIM "Dieses Buch musste einfach geschrieben werden", lautet das so einfache wie zutreffende Fazit, das der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt zieht.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Dieses bemerkenswerte Zitat ist auch auf dem Buchrücken zu fin-den, wo es im Kreis weiterer viel versprechender Urteile und Empfehlungen noch entsprechend begründet wird. Dass dieses Buch einfach gelesen werden muss, lautet die daraus eigentlich abzuleitende Erkenntnis, die so falsch nicht sein kann.

Konsequent wird schließlich die wie ein Gesetz wirkende Normalität durchbrochen, nach der Bücher des Diogenes-Verlags nun einmal im unverkennbaren, aber doch auch sehr unaufdringlichen Schwarz-Weiß-Design daherkommen müssen. Wenn sich zwischen harmlos wirkenden Buchdeckeln aber ein wahrer Paukenschlag verbirgt, erscheint es durchaus legitim, mit leuchtendem Rot auf eine Besonderheit aufmerksam zu machen.

Dass Dorothea Leonhart mit ihrer Mozart-Biografie Flagge zeigt und von Eingeweihten und bekennenden Mozartianern daher schnell als etwas ganz Besonderes in der Flut gängiger Mozart-Biografien entdeckt werden muss, liegt nun nicht unbedingt an der ihr wohl eher für das disperse Publikum vorsichtshalber mit auf den Erfolgsweg gegebenen roten Bauchbinde. Wer aber gerne Büchern begegnet, klappt sie gegebenenfalls auch auf und gerät damit unvermeidlich in den Dunstkreis des ungemein neugierig machenden Vorworts.

Dort wird von Dorothea Leonhart nicht nur deutlich gemacht, dass bei ihr ganz klar der Mensch Mozart und nicht etwa der Musiker im Vordergrund stehen wird. Dort ist vielmehr auch ganz unerschrocken und selbstbewusst von "Geschichtsfälschungen" die Rede und von "Abscheulichkeiten", die Vater, Mutter und Schwester "lieber auf sich hätten sitzen lassen, als der Mitwelt oder der Nachwelt zu gestatten, irgend etwas Abträgliches über ihren Sohn oder Bruder zu sagen".

Sich von der Literatur leiten zu lassen, lautete der von Sibylle Mockler in ihrer Einführung definierte Ansatz bei der vorangegangenen Auswahl ausgerechnet dieses Buches. Dass eine so angelegte Suche gar nicht an Doro-thea Leonhart vorbeiführen kann, ist klar.

Von Joachim Kaiser wird der Autorin beispielsweise attestiert, dass sie "das aufregendste, aber auch beklemmendste Buch über den Menschen Mozart" geschrieben habe. Zugleich bescheinigt ihr der renommierte Kritiker, eine "beachtlich beschlagene, viel und exakt zitierende Außenseiterin mit scharfem Blick" zu sein.

Ob das so stimmt, konnten die vielen Besucher der jüngsten literarischen Begegnung in der Kirchheimer Buchhandlung Zimmermann überprüfen, die die Chance genutzt hatten, sich rechtzeitig von einer zurecht hochgelobten Expertin auf den 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart am morgigen Freitag einstimmen zu lassen.

Ob das ehrwürdige Gedenken nun dem bisher gehuldigten Ideal gilt, oder aber doch eher dem von Dorothea Leonhart inzwischen klar und realitätsnah skizzierten "infantilen Feuerkopf voller Unausgewogenheit", muss jeder für sich selbst entscheiden. Mozarts Genialität als Musiker wird dabei nie in Frage gestellt. Dorothea Leonhart versucht aber doch, bei allem Respekt vor der unbestrittenen Lebensleistung auch den vielen Widersprüchen und Geheimnissen des ungemein labilen und beeinflussbaren, geliebten aber auch gefürchteten Superstars der klassischen Musik auf die Spur zu kommen.

"Eine überzeugende Darstellung der Vater-Sohn-Beziehung", urteilt Nikolaus Harnoncourt abschließend über die von Dorothea Leonhart in ihrem Buch gewählte und immer wieder von akkurat belegten Zitaten untermauerte Darstellung. Höchst erfreut äußert er sich auch darüber, dass mit dieser Biografie endlich sein "alter Verdacht über Konstanze und ihre Familie bestätigt wird und vieles mehr".

Nachdem Dorothea Leonhart in ihrem Buch das für viele gültige Mozartbild mit ihrer ungemein interessant zu lesenden Biografie unbarmherzig auf den Kopf gestellt und die verhängnisvolle Labilität des beifallumrauschten Genies in einer Art Indizienprozess belegt hatte, konnte sie den ersten Teil des Abends relativ unaufgeregt hinter sich bringen. In einer äußerst geschickt abgesteckten Tour d'horizon führte sie ihr sachkundiges Publikum durch das gesamte Buch, weckte aber gerade durch diese konsequent gewählte und fast lückenlos wirkende Präsentation entsprechende Neugierde auf all das, was sie überblättern und aus dem nie stockenden Fluss ihrer Lesung offensichtlich doch ausklammern musste.

Im Anschluss wurden naturgemäß noch viele interessante Fragen gestellt und dezidiert beantwortet. Bei allen unterschiedlichen Einschätzungen stand am Ende immer noch Nannerls Aussage über ihren genialen Bruder unwidersprochen im Raum: " . . . außer in der Musik war und blieb er fast immer ein Kind . . ."