Lokale Kultur

Ausstellungsmotto: "Bis hierher hat der Herr geholfen"

KIRCHHEIM Arbeiten der Esslinger Künstlerin Petra Pfirmann sind derzeit im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus zu sehen. Der Ausstellungstitel "Bis hierher hat der Herr geholfen", mag zunächst irritieren oder gar befremden. Handelt es sich um eine Orts- oder Zeitangabe? Ist es ein religiöser Bekenntnis- oder Erbauungssatz? Oder handelt es sich angesichts der teilweise morbiden Ästhetik gar um tiefen Zynismus?

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FLORIAN STEGMAIER

Fragen, die jeder Besucher letztlich mit sich selber klären muss. Tatsache ist, dass Petra Pfirmann den Ausstellungstitel nicht erfunden, sondern im künstlerischen Tun gefunden hat. Er ziert einen Gedenkstein aus dem Jahre 1890 auf dem Wendlinger Otto-Areal.

Fasziniert vom ungeheuren Potenzial an Farben, Formen, letztlich von verschiedensten Zuständen des Verfalls, des Übergangs, war Petra Pfirmann im Innen- und Außenraum der weitestgehend aufgelassenen ehemaligen Spinnerei mit der Kamera unterwegs. Entstanden ist eine fast unübersehbare Fülle fotografischen Materials, das auch über das Otto-Areal hinausgeht und weitere Orte im Bereich Mittlerer Neckar in den Blick nimmt.

Laudator Dr. Michael Kessler, Vorsitzender des Kunstvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sprach in diesem Zusammenhang von einem "obsessiv erscheinenden Beobachtungszwang", der jedoch weniger auf einem rauschhaftes Erleben einer Bilder-Flut zurückzuführen sei, sondern vielmehr aus einem regelrechten "Forscherdrang" herrühre. Ein Erkenntnisinteresse, so Dr. Kessler weiter, dem etwa das Otto-Areal zugleich als Fundort, als Lagerstätte und als Laboratorium zur Beobachtung und Untersuchung bestimmter Prozesse diene.

Petra Pfirmann spricht von ihrer Auseinandersetzung mit "absichtslosen Absichten nicht manipulierter Vorgänge" und von "schöpfungsimmanenten Prozessen" und konfrontiert die Betrachter mit ihren Beobachtungen. Es geht dabei um eine Topografie, eine Chronologie und Anatomie von Verfall und Wachstum in Natur und menschengemachter Umwelt. Trotz fotografisch-reproduktiver Genauigkeit ist der Künstlerin nicht an einer mimetischen Abbildung der sichtbaren Welt gelegen. Was den Zuschauern in den Arbeiten entgegentritt, ist eine durch verlangsamt-genaues Hinsehen gleichsam abgelöste Objektwelt von eigener Mächtigkeit und Dynamik. Eine Dynamik, die sich nicht kontrollieren lässt und dadurch eine neue zunächst deutungslose, archaische Zeichenwelt konstituiert, die furchterregend und bezaubernd zugleich scheint.

Petra Pfirmanns künstlerische Haltung ist auch vor dem Hintergrund eines starken Kultur- und sozialkritischen Interesses zu sehen, das jedoch in den Werken nicht plakativ oder gar moralisierend herausgestellt wird.

Aus dieser Motivation heraus ist die literarische Meta-Ebene zu verstehen, die sich durch die Ausstellung wie ein Band zieht und zunächst mit Silben und einzelnen Wortfetzen titelstiftend wirkt. Macht man sich die Mühe, den Text zusammenhängend zu lesen, erschließt er sich als Heinrich Heines "Die Schlesischen Weber": "Deutschland wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch, wir weben, wir weben!".

Zu den fotografischen Arbeiten gesellen sich Malereien, das eigentliche Metier der Petra Pfirmann, darunter auch das im letzten Jahr mit dem Kunstpreis der Diözese Rottenburg-Stuttgart ausgezeichnete Bild "via dolorosa", das wie auch andere zum Teil großformatige Malereien der Jahre 2002 bis 2005 mit charakteristischen Materialen wie Acryl, Brandpapier, Kaffee, Teebeuteln und Fett gefertigt wurde.

Die immer wieder auftauchende Kreuzform erzeugt eine ordnungsstiftende Rasterung, ähnlich einem darüber oder dahinter gelegten Kristallgitter oder einer Kartografierung. Die Arbeiten von Petra Pfirmann sind noch bis Sonntag, 3. Juli, in der Städtischen Galerie zu sehen.

Gelegenheit zu einem Künstlergespräch gibt es am kommenden Sonntag, 12. Juni, ab 14 Uhr. Am Mittwoch, 15. Juni, sind alle Interessierten ab 19.30 Uhr zum Vortrag "Kunst gleich Kapital Kapital ungleich Geld" mit anschließender Diskussion mit dem Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen aus Düsseldorf eingeladen.