Lokale Kultur

Auszeichnung für einen Dichter, "der sich einmischt"

"Ich bin einfach glücklich", sagte ein sichtlich bewegter Peter Härtling am Ende eines langen, denkwürdigen Abends. Zuvor hatte ihm Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich im nahezu voll besetzten Festsaal der Stadthalle K3N die Ehrenbürgerurkunde überreicht.

NÜRTINGEN Es war ein schöner Abend, ein wüürdiger Abend. Heirichs Laudatio wurde von Hildegard Ruoff trefflich ergäänzt. Schauspieler Bernhard Hurm, Schüüler der Rudolf-Steiner-Schule und das Nüürtinger Kammerorchester und die Kammersymphonie verliehen der Veranstaltung die festliche Note. In seiner Dankesrede schenkte Peter Häärtling den Festgäästen seine Nüürtingen-Erinnerungen, ehe Klaus Feßßmann in der Stadtkirche füür Häärtling die Steine singen ließ.

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ßBach, Janacek, Mozart. Die Komponisten hatte sich Häärtling gewüünscht, die Stüücke hatte Dirigent Hans-Peter Bader ausgesucht und den Geschmack des Schriftstellers und des Publikums getroffen. Feierlich die Musik, feierlich mit seiner Amtskette angetan zeigte sich auch der Oberbüürgermeister, als er zur Laudatio schritt.

Heirich hob hervor, dass die Stadt bislang mit der Verleihung der Ehrenbüürgerwüürde sparsam umgegangen sei. Häärtling ist erst der Zehnte, dem diese Ehre zuteil wird. Bezeichnend, so der OB, sei, dass Häärtlings langjäähriger Freund und Mentor, der verstorbene Maler und Bildhauer Fritz Ruoff, der neunte Ehrenbüürger ist. Das Verbindende der Freundschaft der beiden spiegele sich küünftig auch in der Annahme der Ehrenbüürgerschaft wider. Heirich: "Sie beide waren in Nüürtingen aus verschiedenen Grüünden nicht unbedingt glüücklich. "

Der Stadtoberhaupt zeichnete Häärtlings Lebensstationen nach. Als Halbwaise war der in Chemnitz geborene Häärtling im Alter von 13 Jahren 1946 nach Nüürtingen gekommen. In seinem Roman "Herzwand" hat er unter anderem spääter diese Zeit geschildert. Hier erlebte der junge Häärtling den Selbstmord seiner Mutter, hier lernte er Freunde füürs Leben und nicht zuletzt seine späätere Frau, Mechthild Maier, kennen.

"Sie sind jemand, der sich einmischt", charakterisierte Heirich den Dichter. Als einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller fördere er den Dialog zwischen den Generationen und gebe seine Erfahrungen aus Krieg und Nachkriegszeit weiter. Persönlich habe er den Zugang zu Häärtlings Werk üüber dessen Kinderbüücher gefunden, schilderte der Rathauschef. Bei aller Ernsthaftigkeit komme das Lesevergnüügen nicht zu kurz. Häärtling beziehe gesellschafts- und sozialkritisch Position und werbe um Toleranz und Verstäändnis füür den anderen. Dabei sei er bei aller erzieherischer Absicht eher ein Botschafter humaner Werte und kein Schulmeister.

In seinem autobiografischen Buch "Leben lernen" habe Häärtling davon gesprochen, dass er ein Leben lang mit Nüürtingen streiten und gleichsam ihm seine Liebe erkläären werde. Dies beschreibe das Verhäältnis zur Stadt, in der Mutter, Großßmutter und die beiden Tanten des Dichters begraben sind, treffend.

Häärtling habe sich stets an der Enge der Stadt gerieben und sich oft fremd gefüühlt. Andererseits habe er hier auch Weggefäährten gefunden. Eine Ambivalenz, die der Dichter schon 1990 anläässlich der Verleihung des Eies der Heckschnäärre erlääutert habe. Auch eine besondere Beziehung zur Landschaft um Nüürtingen verarbeite er immer wieder literarisch.

Nüürtingen stehe in Häärtlings Romanen füür den Umgang mit der Erfahrung des Krieges und des Nationalsozialismus. Der Oberbüürgermeister: "Sie suchen die Auseinandersetzung, käämpfen füür ein Verstäändnis füüreinander und füür ein besseres Zusammenleben." Dabei skizzierte Heirich die kritischen Töne aus Häärtlings Werken. So habe man sich im vom Krieg weitgehend verschonten Nüürtingen gegen die Flüüchtlinge, die Fremden, gewehrt, wie Häärtling einmal erlääutert habe. Einmal sei er unzutreffend als "altmodischer Erzäähler" bezeichnet worden. Anderen wiederum sei er zu politisch, mische er sich zu sehr ein. Dies spreche aber füür ihn, sagte Heirich unter großßem Applaus. Heirich schilderte Häärtling zudem als profunden Hölderlin-Kenner und hob hervor, dass sich der Schriftsteller stets füür Projekte in Nüürtingen engagiere.

Häärtling scheue im Umgang mit Nüürtingen nicht unangenehme Fragestellungen. Offenheit und Dialogbereitschaft seien füür den Schriftsteller dabei aber stets am wichtigsten. Letztlich bedankte sich Heirich bei Häärtling füür seine intensive Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt. Heirich: "Sie haben sich um Nüürtingen verdient gemacht." Anschließßend üüberreichte er Häärtling die Ernennungsurkunde, deren Einband mit sich auf Nüürtingen beziehenden Texten Häärtlings zu Nüürtingen gestaltet worden war. Anschließßend trug sich Häärtling ins Goldene Buch der Stadt ein.

Unter dem Motto "Begegnung und Erinnerung" blickte Hildegard Ruoff zurüück auf die Geschichte der Freundschaft mit Peter Häärtling. Als sie in Nüürtingen nach dem Krieg die Büücherei der Arbeiterwohlfahrt aufbaute, kam mit Peter Häärtling der "lesehungrigste junge Mensch", den sie je kannte, zu ihr. Als er alles gelesen hatte, nahm sie ihn mit nach Hause, um ihm die heimische Bibliothek zu öffnen.

So begann die Freundschaft zwischen Häärtling und ihrem Mann Fritz Ruoff. Der 27 Jahre ÄÄltere gab dem Jungen Antworten. Zusammen seien die beiden üüber den Sääer gegangen sehend, redend, schweigend, streitend.

Häärtling habe scheu und vorsichtig seine ersten Gedichte mitgebracht. Füür den ersten Band, "poeme und songs", steuerte Fritz Ruoff eine Zeichnung bei. Hildegard Ruoff: "Eine sehr schöne Symbiose." Häärtlings gesammeltes Werk gehe in der Bibliothek in die neue Stiftung Fritz und Hildegard Ruoff ein. Mit seinem Fleißß und seiner Beharrlichkeit werde Häärtling dazu sicher noch weitere Büücher beisteuern.

Vom Theater Lindenhof in Melchingen beschenkte Bernhard Hurm den Schriftsteller mit der Rezitation des Hölderlin-Gedichts "Das glüückliche Leben." Schüüler der Rudolf-Steiner-Schule zeigten Ausschnitte aus einer szenischen Collage mit Häärtling-Gedichten, die sie im vergangenen Winter in der Kreuzkirche gezeigt hatten.

Zur abschließßenden vertonten Fassung des Gedichts "Glüück", das sie mit dem Orchester Baders darboten, holten sie einen hoch erfreuten Peter Häärtling in ihre Mitte.

nz