Lokale Kultur

Bedingungslose Glaubwürdigkeit und zeitlose Realität

KIRCHHEIM Mit der Realsatire "Der Hauptmann von Köpenick" eröffnete die Württembergische Landesbühne Esslingen die Theatersaison des Kulturrings. Regisseur Matthias Thieme und sein Theaterteam

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RENATE SCHATTEL

inszenierten das von Zuckmayer als "deutsches Märchen" untertitelte Drama ohne kritische Aktualisierung, sich historisch geradezu akribisch an die Vorlage haltend, und bewirkte damit bedingungslose Glaubwürdigkeit und zeitlose Realität zugleich.

Im Berlin der Jahrhundertwende am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in einer Zeit des sozialen Elends, siedelte Zuckmayer sein Drama an, das auf einer wahren Begebenheit basiert. Es beinhaltet eine spöttische Umkehrung des Märchenmotivs von "Des Kaisers neue Kleider" und eine Versinnbildlichung des Märchens "Die Bremer Stadtmusikanten", die im von Thieme inszenierten Stück symbolhaft immer wieder erschienen, bis sie am Ende die Obrigkeit selbst verkörperten. Die Uniform- und Obrigkeitshörigkeit des Wilhelminischen Zeitalters sowie die Tristesse des "Berliner Miljöhs" verdeutlichte Ausstatter Christopher Melching in zeitgerechten Kleidern und Uniformen und dem bürgerlich-biederen Mobiliar. Genial die Guckkastenbühne auf der Bühne, die versenkbare Balustrade, die Klapptüren und der als Aktenschrank, Toilette und Schlafzimmer fungierende Wäscheschrank.

Ulf Deutscher spielte seinen Wilhelm Voigt nicht als Märchenfigur, sondern gab ihn als hintergründige, schicksalsergebene Figur, leise und verhalten, als ewig geduckten armen Kerl, der am Ende über sich hinauswächst. Die "Köpenickiade" ist eine Verbindung von Volksstück und Zeitkomödie. Die Esslinger haben dem Volk aufs Maul geschaut, stilgerecht "berlinert" und in den komödiantischen Spielszenen temporeich Slapstick vollführt. Köstlich das Uniformschneideratelier Wormser mit Matthias Herrmann, schrill der Manöverball mit Marie Bues als Auguste, musicalreif die Sedanfeier mit Dietrich Schulz, der als Schwager Friedrich Hoprecht überzeugend und anrührend den Schlüsseldialog mit Wilhelm führte. Der Bürgermeister, Rathaus, Philipp Alfons Heitmann, mit resoluter Gattin, Kristin Göpfert, verkörperten lebensechte Bühnenfiguren, wie alle WLB-Akteure, die in Mehrfachrollen über sich hinauswuchsen, ohne zu vergessen, dass sie Leute aus dem Volk spielen.

Das ganze Stück bestach durch Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche, selbst in den deftigen Szenen nie ohne Realitätsverlust, dafür gelegentlich zu lange ausgespielte Nachdenklichkeit, die in der Häufigkeit dann doch etwas zu zäh wirkte.