Lokale Kultur

Beeindruckende Aufführung vor vollem Haus

KIRCHHEIM "Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende." Wer kennt diesen Schlusssatz nicht? Dieses Märchen der Gebrüder

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PATRICK TRÖSTER

Grimm wird heute noch gerne vorgelesen, denn es berührt eines der wichtigsten Themen im Werden eines Kindes. Dagmar Lincke hat es für die Elevinnen und ein paar Eleven ihrer in Kirchheim etablierten Ballettschule zu einem Handlungsballett geformt, in dem alle Groß und Klein, solistisch und im Ensemble nach Begabung und Lust zum Einsatz kommen.

Alle zwei Jahre stemmt Dagmar Lincke ein Großprojekt mit einer Reihe von Helfern, Müttern, ja ganze Familien sind im ausführlichen Programmheft genannt! Die Kinder, größtenteils Mädchen, fiebern auf diese Aufführung in der Stadthalle zu es ist das Ereignis im Leben der großen und kleinen Ballerinen. Selbst unter schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen das Gymnasium in acht Schuljahren und die Ausweitung der Schulzeiten durch Ganztagsbetreuungen helfen alle zusammen, um solche Produktionen wie "Dornröschen" (noch?) zu ermöglichen, und zwar fern von hochtrabend-wohlwollenden Lernzielen, wie man sie in Stoffplänen der neu kreierten, interdisziplinären Fächerverbünden liest.

Beim Ballett verbinden sich viele Künste ganz natürlich: Tanz, Musik, Bühnenbild, Couture; und viele Fähigkeiten werden im Verbund ausgebildet und trainiert: das Gedächtnis beim Einprägen der Choreografie und der Schritte, soziale Fähigkeiten, Teamfähigkeit, Schulung der Körperwahrnehmung, des Gleichgewichtes, der Musikalität, des Taktempfindens, des Ausdrucks, des Rollenspiels, Verknüpfung der Sinne und vieles mehr.

Mit dem bekannten Märchenstoff "Dornröschen" schuf Dagmar Lincke ein klassisches Handlungsballett, das ihr ermöglichte, sowohl auf das persönliche Können als auch auf den Ausbildungsstand ihrer wohl über hundert Schüler einzugehen. Die Lehrerin ist von zwei Ausnahmen abgesehen auch immer Choreografin und das aus gutem Grund: Sie schneidert die Nummern ihren Schülerinnen auf den Leib. Die fantasievollen und farbenprächtigen Kostüme entwarf Stefanie Ambros und das auf das Wesentliche reduzierte und trotzdem raumbildende Bühnenbild Hans Jörg Rapp. Die Musik, ein Potpourri aus Barock, Klassik und vergangener Moderne, wurde freilich von einer CD eingespielt. Beim Licht, Nähen und Basteln, Auf- und Abbau half ein ganzes Heer im Hintergrund mit. Solche Aktionen schweißen die Elternschaft der Ballettschule zusammen.

Während manche Stadt "zwischen den Jahren" meist aus Osteuropa Galaballetts als sogenannte Highlights einkauft, bietet Kirchheim das in der Adventszeit selbst. Auch ohne aufwendige Werbung war die Stadthalle ausverkauft. Dornröschen besteht aus größtenteils kurzen Nummern, die zügig aufeinanderfolgen und deren Inhalt dank der treffenden Kostüme sofort den Schlüsselszenen des Märchens zugeordnet werden können. Doch damit nicht genug: Die Schrittfolgen und Raumfiguren pointieren den Inhalt. Besonders beim Tanz der Frösche, bei der Bonanza-Einlage oder der schnarchenden Hecke wurde auch gerne geschmunzelt. Doch fanden sich auch im Detail viele Anspielungen in den Tänzen, was die einzelnen Nummern auch vom Schrittrepertoire unverwechselbar machte. Große Ensembles wie Kinderspiele, Elfen, Feen, Spinnerinnen, Schatzkammer, Weingeister, Comtessen, Hofnarren oder auch die Zeit und die Hecke, nutzten die Bildhaftigkeit zum beeindruckenden Tableau der quirligen Masse Tänze für alle mit meist einfachen Schrittfolgen, aber einer Vielfalt an Raumbewegungen. Diesen Bildern standen solistische Einlagen mit Sprüngen, Drehungen, Pirouetten gegenüber.

Dornröschen verkörperte in der Premiere am Freitagabend in unschuldiger Virtuosität Eva Maria Hofmann, das Königspaar tanzten im wohlabgestimmten Pas de deux Johanna Niehaus und Abigail Brard, während die böse Fee mit Larissa Keck in ihrer kessen Art die Augen auf sich zog. Auch außer den großen Rollen schaffte Dagmar Lincke im Rahmen der Ensembles bei kleineren solistischen Einlagen für den begabten Nachwuchs genug Raum. Hier choreografierte nicht nur die Künstlerin, sondern auch die Pädagogin. Und genau darin liegt mitunter die Stärke der Aufführung und das oft mit einem gewissen Schalk, dem eigentlichen Spaß der Erfinderin. So wurde "Dornröschen" ein überwältigender Erfolg, weil alle Tänzerinnen, Eltern, die große Schar der Helfer an einem Strang, den freilich Dagmar Lincke flocht, zogen.