Lokale Kultur

Begegnung mit dem „singenden Fels“

Das bescheidene Multitalent Galsan Tschinag schenkte seinem Publikum einen faszinierenden Abend

Kirchheim. Es war ein Abend der Irritationen und des tiefen Verstehens zugleich. Es war ein willkommenes Angebot des Wiedersehens oder des Kennenlernens. Schon zum zweiten Mal schenkte der preisgekrönte mongolische Germanist, Schriftsteller, Schauspieler, Schamane und

wolf-dieter truppat

Stammesführer Galsan Tschinag dem tibetisch-buddhistischen Zentrum „Kagyu Samye Dzong“ am Kirchheimer Alleenring einen Besuch, der Begegnung und Bereicherung – auf jeden Fall aber ein interessanter Brückenschlag zwischen unterschiedlichsten Welten und Kulturen war.

Mit souveräner Moderation, fremdländischem Gesang und meditativer Stille sorgte der demütige Dozent Galsan Tschinag für kurzweilige Unterhaltung und tiefgründige Erkenntnisse. Er informierte über unterschiedliche Kulturen und Werte, über Stärken und Schwächen, über unüberwindbare Blockaden und aberwitzig einfache Methoden, sie erfolgreich zu durchbrechen, aber nur dann, wenn ein geläuterter Geist dazu bereit ist.

Mit der rhetorischen Frage „lesen oder erzählen?“ zog der verführerische Puppenspieler behutsam an den bereitwillig ausgestreckten „Spielfäden“ seines Publikums und bestimmte von Anfang an sanft aber bestimmt das Geschehen. Vom krisengeschüttelten und kapitalmarktverunsicherten Europa führte Galsan Tschinag seine ihm geradezu ergebene „Gemeinde“ hinaus in die karge und doch zugleich ungemein reiche Welt der Mongolei.

Vom kalten, verregneten Schwabenland aus, mit den dort üblichen drei üppigen Mahlzeiten am Tag und entsprechend viel übergewichtigen reichen aber unglücklichen Menschen, entführte er sein Publikum für einen kurzen, wachrüttelnden Moment in die harte Wirklichkeit des entbehrungsreichen Nomadenlebens seiner Heimat.

„Auch wir haben Schwierigkeiten,“ räumte der jetsettende Germanist ein – der neben vielen Auszeichnungen und Preisen unter anderem auch schon das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam – und sprach plötzlich von sieben Millionen im vergangenen harten Winter in seiner Heimat verendeten Tieren und der daraus resultierenden Not und Armut.

Genauso schnell und überraschend blendete er anschließend rund 30 Jahre zurück zu seiner journalistischen Arbeit als politischer Korrespondent im Kambodscha des Jahres 1979, um an die furchtbaren, fast hautnah miterlebten Gräuel zu erinnern, die für ihn für immer mit der blutigen Befreiung von der Schreckensherrschaft Pol Pots und der Roten Khmer verbunden sein werden.

„Verglichen mit damals geht es uns heute viel zu gut“, diagnostizierte der Stammesführer weise die aktuelle Lage in der Mongolei und fügte mit verständnisvollem Blick auf die ihn umgebenden Menschen lächelnd hinzu: „Euch auch.“

Im Gegensatz zu wohlgenährten Europäern hätten die Nomaden in der Mongolei nur zwei karge Mahlzeiten am Tag und daher keine Probleme mit dem Übergewicht – sondern Hunger. Als es ihnen noch besser ging, hätten aber auch sie damals „ganz besonders lauthals geschimpft“. Wer lange über seine Verhältnisse gelebt habe, dürfe sich aber nun einmal nicht wundern, wenn dafür plötzlich bezahlt werden muss – auch wenn das manchmal schwerfalle.

Während europäische Multimillionäre und Milliardäre gemeinhin „bescheidene graue Mäuse“ seien, würden die reichen Chinesen, Japaner, Russen und Mongolen ihren Reichtum inszenieren und selbstgefällig zur Schau stellen. Statt Sorgen mit dem Gewicht hätten Mongolen meist Hunger und immer steinreiche Politiker und Wirtschaftsgrößen um sich, die gut daran verdienten, ohne den geringsten Anflug von Skrupeln, ihr eigenes Heimatland ausrauben zu lassen.

Der weltoffene Diplom-Germanist Galsan Tschinag versteht es auf faszinierend stille und unaufdringliche Art, die tief gründende Weisheit und Bescheidenheit eines Schamanen mit der sympathischen aber zugleich auch schlitzohrigen Geschäftstüchtigkeit eines Menschen zu verbinden, der nicht nur seine mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Bücher vermarkten, sondern vor allem auch seine wertvollen Lehren verbreiten will.

Wenn Galsan Tschinag nicht gerade damit beschäftigt ist, Menschen mit einer Erfolgschance von „aktuell etwa fünfzig Prozent“ vom Tinnitusleiden zu befreien, Vorträge zu halten oder Bücher und Gedichte zu schreiben, findet er immer auch noch die Zeit dazu, sich in seiner Heimat um ein engagiertes Aufforstungsprojekt zu kümmern, dem er sich mit Haut und Haar verschrieben und versprochen hat, immerhin eine Million Bäume zu spenden.

Nach 46 500 im vergangenen Jahr will er weitere 30 000 und im Herbst noch einmal 70 000 Bäume pflanzen. 2011 sollen es 200 000, im Jahr darauf schon 400 000 sein. Ob er sein zweites Versprechen einhalten kann, wird sich weisen, denn er will nicht nur die Blockaden in den Köpfen seiner Mitmenschen aufreißen, sondern ihnen auch den lebenswichtigen Regen zurückbringen.

Galsan Tschinag strahlt Ruhe aus – trotz seines gehetzten Lebens als virtuoser Vortragskünstler, Mahner, Retter und Heiler, der Freude daran hat, seine philosophische Weisheit mit anderen zu teilen. Als Sohn einer Schamanin musste er einst lernen, so lange gegen einen toten Felsen anzusingen, bis er eine Antwort bekommt. Er hat lange gebraucht, diese harte Lektion zu begreifen, jetzt aber weiß er: Alles ist in uns – man muss nur daran glauben . . .

Anzeige