Lokale Kultur

Begegnungen mit einem legendären alten Mann

KIRCHHEIM Rote Tücher über den Tischen, Whiskygläser und Zigarettenrauch, eine Rose in einer Flasche das alles in sanftes Rotlicht getaucht und schon war aus dem Gewölbekeller des clubs bastion eine

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USCHI NEROLADAKIS

Bar geworden, in der sich erwartungsvolle Gäste versammelt hatten um Charles Bukowski zu treffen- oder jemanden, der ihn kannte.

Jens Saleh am Kontrabass und Matthias Behrsing am Piano, zwei exzellente Musiker mit Gespür für Stil und Atmosphäre, zauberten stimmungsvollen Bar-Jazz und leicht angetrunken begann eine Frau an einem Stehtisch von ihrer Bekanntschaft mit dem legendären "dirty old man" zu erzählen, der eine Vorliebe für klassische Musik hatte und dem vor Feierabend gelegentlich manche Worte nicht mehr einfielen.

Sie berichtete von Männern aus ihrem Leben, Spinnern und Idioten und Marie Gruber, eine Vollblutschauspielerin und dem Publikum aus zahlreichen Fernsehfilmen bekannt, spielte die Bar-Schlampe überzeugend, komisch und traurig zugleich.

Ihr Partner Michael Kiessling, ein Sänger mit einer faszinierenden Stimme, vom tiefsten Reibeisen bis zu den höchsten gurrenden Tönen, interpretierte "Down Down Down" und andere Titel von Tom Waits und man konnte sich gut vorstellen, dass er damit nicht nur kleine Gewölbekeller, sondern auch große Säle begeistern könnte.

In weitem Rock und braver Bluse statt des roten Mantels vom Anfangsauftritt, verwandelte sich Marie Gruber in Alice, die einen rührenden Brief von Lewis Carroll an Alice vortrug, von ihren Begegnungen im Wunderland erzählte und das Publikum wagte kaum noch zu atmen, bis am Ende auch noch das "Dornröschen" der Brüder Grimm auftauchte und die Spannung löste. Mit "Wild Rose", bekannt durch Nick Cave und Kylie Minogue, überzeugten die beiden Künstler auch im Duett und durch Akkordeonbegleitung erhielt das Lied einen neuen Akzent.

Die makabere Geschichte vom Killer, der einen so netten Eindruck machte, aber die Leiche stückweise in Paketen verschickte, erzeugte ebenso Gänsehaut wie der hinreißende Waits-Song "Cold Cold Ground". Ein klärendes Beziehungsgespräch forderte Marie Gruber von ihrem Partner, doch der schien unerreichbar, faltete gelangweilt seine Krawatte zusammen und wischte ihre Vorhaltungen mit einer abweisenden Handbewegung beiseite. Doch als er dann nicht so ganz überzeugend "Lass mich bei dir sein" sang, kommentierte sie den Schmachtfetzen als "Schnulzenzeug".

Außer von Charles Bukowski waren in dieser exquisiten Bar-Revue auch Texte von William S. Burroughs und Oliver Bukowski zu hören, Geschichten und Lieder wechselten sich ab, ergänzten sich und ließen in zwei Stunden den Spannungsbogen keinen Moment abreißen. "Suzanne", der berühmte Song von Leonard Cohen, zog die Zuschauer ebenso in seinen Bann wie von Tom Waits "I'll shoot the Moon" und "Down Town Train", aber auch ein Liebeslied von Brecht und "Somewhere" von Leonard Bernstein fügten sich nahtlos in die atmosphärisch dichte Bar-Revue ein.

Zum Schluss ließ Michael Kiessling noch eine "Waltzing Mathilda" erscheinen und Marie Gruber, jetzt im damenhaften Hosenanzug, wiegte sich in sachten Tanzschritten, bis das Publikum lang anhaltenden Beifall spendete. Unplugged und tragikomisch beendeten die vier Künstler mit "Death is not the End" von Bob Dylan den außergewöhnlichen und facettenreichen Abend, der durchaus Lust auf eine weitere Begegnung mit Charles Bukowski und einer bemerkenswerten Künstler-Truppe geweckt hatte.