Lokale Kultur

Begeisterung für Musik soll überspringen

NÜRTINGEN Historischer Moment für den evangelischen Kirchenbezirk Nürtingen: Zum ersten Mal in seiner langen Geschichte zeichnet künftig eine Frau für die Kirchenmusik dort verantwortlich. Das aus Vertretern von Stadt- und Gesamtkirchengemeinde sowie des Kirchenbe-

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JÜRGEN GERMANN

zirks und (beratend) Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer bestehende Besetzungsgremium wählte Angelika Rau-Culo zur Nachfolgerin des im Juni gestorbenen Bezirkskantors Jens Schreiber.

Welch hohen Rang die Chefposition für die Nürtinger Kirchenmusik innerhalb der Evangelischen Landeskirche Württemberg einnimmt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass dafür 37 Bewerbungen abgegeben wurden. Vier davon wurden für die letzte Runde der engeren Wahl auserkoren und durften sich dem Besetzungsgremium persönlich vorstellen. Dabei blieb es indes nicht bei einem 30-minütigen Gespräch mit den Wahlfrauen und -männern: Eine Dirigierprobe mit der Kantorei musste ebenso absolviert werden wie man sein Können auch bei einem 45-minütigen Konzert auf der Orgel von Sankt Laurentius demonstrieren konnte.

Alle waren hochqualifiziert, schildert Dekan Michael Waldmann seine Eindrücke nach dem Wahl-Marathon, der sich einschließlich einer Pause über insgesamt 27 Stunden hinzog, bis sich eine Mehrheit für Angelika Rau-Culo entschieden hatte.

Für die 30-jährige Nichte des früheren Beurener Pfarrers Helmut Rau spricht aus Sicht des Dekans, dass sie künstlerisch begabt, zielgerichtet und in der Lage ist, ein breites Spektrum in der Kirchenmusik abzudecken. Dass sie sehr gut Orgel spielen könne, habe ebenso begeistert wie ihre offenkundige Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Das hat sie in bester Weise miteinander verbunden.

In Tübingen hat die neue Bezirkskantorin das B- und A-Examen in Kirchenmusik abgelegt, von wo sie als Praktikantin an die Stiftskirche in Stuttgart kam und dort bei Siegfried Bauer sowie dem Stuttgarter Kirchenmusikdirektor Kay Johannsen ihr Können verfeinerte. Derzeit hat sie noch eine 40-Prozent-Stelle als Elternzeitvertretung des Kantors an der Ludwigsburger Stadtkirche, und zu 50 Prozent wirkt sie an der Markgröninger Batholomäuskirche.

Ansprechende GemeindeVon beiden Orten heißt es nun Abschied nehmen, denn der Dienstantritt in Nürtingen ist schon für Sonntag, 1. April, festgesetzt. Der festliche Gottesdienst zur Amtseinsetzung ist für Sonntag, 13. Mai, in Sankt Laurentius geplant. Für den Wechsel nach Nürtingen sprach aus Sicht der neuen Kantorin außer der Möglichkeit, eine 100-Prozent-Stelle anzutreten, dass "uns Kirche, Gemeinde und Kantorei total angesprochen haben". "Uns", das sind sie und ihr Mann Michael, der gerade in Ludwigsburg sein A-Examen als Kirchenmusiker ablegt und dann ein Praktikum an genau der Stelle beginnt, die einst sie innehatte.

Befragt, was sie denn nun an Sankt Laurentius so begeistert habe, antwortet Angelika Rau-Culo die Kirche habe eine schöne Größe und sei dennoch was Persönliches geblieben. "Sie wurde toll renoviert und hat eine super Orgel. Einfach ein sehr schöner Raum ist das." Keinen Zweifel lässt sie aufkommen, dass im Kirchenbezirk Nürtingen natürlich auch weiterhin Orgel und Chor die beiden Hauptstandbeine der Kirchenmusik bleiben werden, aber auch die Popularmusik soll künftig ihren Platz kriegen und es soll daher auch Gottesdienste mit Band geben. Das Singen mit Kindern ist Angelika Rau-Culo sehr wichtig und auch den Kontakt mit den Kirchengemeinden außerhalb von Nürtingen im Bezirk möchte sie intensivieren. "Ideen gibt es genug."

Auch die Altersstruktur der Nürtinger Kantorei, in der der Schnitt nicht gerade bei 25 liegt, werde sicher ein Thema werden, macht Angelika Rau-Culo deutlich, die schon beim Bewerbungsgespräch gesagt hatte, dass für sie als Jugendliche in Göppingen die Kantoren Martha Burkhardt und Gerald Buss große Vorbilder gewesen seien, denen sie nun in ihrem Amt nacheifern wolle. "Wenn ich meine Begeisterung für die Kirchenmusik transportieren kann und der Funke überspringt, wird auch Aufmerksamkeit für den Chor geweckt und kommen vermutlich auch junge Leute dazu."

Keine "Alleinbestimmerin"Allein mit streng klassischem Repertoire dürfte das indes nicht zum Selbstläufer werden. Konkretes will sie indes erst mit dem Chor absprechen. "Ich möchte wissen, was es dort für Wünsche gibt. Und nicht als ,Alleinbestimmerin' auftreten". Dass sie auch Sympathie für moderne Musik hegt und dort auch neue Impulse setzen möchte, verhehlt sie nicht, möchte aber "im Gespräch eine gemeinsame Linie entwickeln, zu der alte und neue, aber auch die Musik der Romantik gehören". Einen Wunschzettel für ihren festlichen Einsetzungsgottesdienst hat Angelika Rau-Culo dennoch. Wenn der Chor einverstanden ist, dann möchte sie dafür zwei Werke von Johann Sebastian Bach einstudieren: Die Kantate "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut" und die Motette "Lobet den Herren". Grund, Gott zu loben und zu danken, gibt es für die neue Kantorin eine Menge: "Ich freue mich schon sehr auf Nürtingen. Und mein Mann auch".