Lokale Kultur

Beim krönenden Finale tobt das Orchester begeistert

KIRCHHEIM Im Jahr 1800 lauschte die Welt erstmals der ersten Sinfonie Beethovens, 1785 überraschte Mozart sein Publikum mit

Anzeige

PATRICK TRÖSTER

dem d-Moll-Klavierkonzert KV 466, und nur wenige Jahre früher, zwischen 1774 und 1777 schrieb Johann Christian Bach die D-Dur-Sinfonia opus 18 Nr. 3 für Doppelorchester. Am Ende des 18. Jahrhunderts überstürzten sich die Ereignisse, und Meisterwerke dreier Generationen trafen aufeinander. In einem aufwühlenden Konzertabend brachten das Kirchheimer Volkshochschulorchester und der Stuttgarter Pianist Pavlos Hatzopoulos diese Meisterwerke der voll besetzten Stadthalle zu Gehör.

Eine ungewöhnliche Aufstellung bezog das vhs-Orchester zu Beginn des Abends, denn die Sinfonia des "Londoner" Bachs erfordert eine Zweiteilung des Orchesters, um die stereofonisch anmutenden Klangeffekte zur Geltung zu bringen. Mit Schwung nimmt Dirigent Joachim Stumber die Herausforderung an und drängt auf eine galante und elegante Geschlossenheit der beiden Orchesterhälften, ohne im Eröffnungsallegro die wandernden Motive und heftigen dynamischen Gegensätze aus dem Auge zu verlieren. Der weit und weich schwingende Dreiertakt im langsamen Mittelsatz fordert vor allem die Bläser, die an der Klimax über eine achtelschwingende Streicherbegleitung groß angelegte Crescendi verwirklichen. Antagonistisch arbeiten im brausenden Schlusssatz einerseits die Hörner die auffordernde Jagdmelodik und andererseits die Holzbläser den wohllautenden Schmelz einladender Schäferstündchen heraus.

Doch dann lässt Mozarts existenzialistisches d-Moll-Klavierkonzert die unschuldige Höflichkeit hinter sich. Denn Pavlos Hatzopoulos nimmt den Kampf auf und setzt dem verderbnisdrohenden patriarchalen Hauptthema des Orchesters sein lichtsuchendes Seitenthema in amadealer Unschuld entgegen. Der Pianist führt mit seinen Einwürfen emotional das Orchester an die Grenzen. Und technisch reizt er es fast noch mehr. Die Spannung steigt, doch Hatzopoulos lässt die Fäden nicht reißen, trotz gesteigerter Expressivität kennzeichnet seine Spielweise eine rationale Ordnung im Detail.

Diese kommt dem in Träumen wandelnden Liedthema der "Romanze", so die immer wieder erstaunende originale Überschrift des Mittelsatzes, zugute. Das Orchester erwärmt und erholt sich in sanften Begleitungen, woran auch der rückgreifende grollende Moll-Ausbruch im Mittelteil nichts ändern kann. Im wilden Rondo finale gibt er auch wörtlich das Thema wieder vor und fordert den Dirigenten und seine Getreuen zu weiteren heroischen Gesten auf. In flirrenden Übergängen reichen sie einander die Hände und fügen die spritzigen Motive stapelnd übereinander. Mit dem Es-Dur-Impromtu von Franz Schubert, das er mit ausgesucht ordnender Hand, klar strukturierend und mit streng konturierter Artikulation vorträgt, bedankt sich Pavlos Hatzopoulos für den Beifall.

Beethovens opus 21, seine erste Sinfonie in C-Dur, mit der der Wiener Neuling seine öffentliche Anerkennung auch in der großen Form beanspruchte, ist beim Dirigat Joachim Stumbers von Größe, Anspruch und heldischer Strahlkraft durchströmt. Das "con brio" des Eröffnungssatzes nimmt der Dirigent wörtlich, er feuert das Orchester an, und besonders die Bläser wärmen sich im heiteren C-Dur-Rausch. Das kanonisch geführte Lied im bewegten Andante wirkt mittels seiner innewohnenden Schlichtheit durch sich selbst. Scharf wird das wilde Menuetto mit seinen türmenden Akzenten und bissigen Synkopen angegangen, denn hier ist der junge Beethoven schon am ehesten er selbst. Und das krönende Finale wird von einem eigendynamischen Schwung getragen, den auch die eröffnenden, Anlauf nehmenden Tonleitern nicht auszubremsen vermögen. Einmal in Fahrt gekommen, schäumt das Orchester fröhlich, es tobt begeistert, türmt sich brausend übereinander, und manch kleiner Stolperer wurde hurtig ausgeglichen. Mutig steuert Joachim Stumber nicht nur die Seinen durchs feurige Finale, sondern auch die getreuen Zuhörer: Manch Bravo-Ruf schallte im langen Schlussapplaus durch.