Lokale Kultur

Berauschende Klarinettengeschichten

KIRCHHEIM Naftule Brandwein ist Klezmerliebhabern ein Begriff. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren

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PATRICK TRÖSTER

zählte er zu den beliebtesten, schillernsten und bedeutesten Klarinettisten des jüdischen Lebens in New York. Viele Musiker bedienen sich seit dem Klezmer-Revival der Siebzigerjahre seiner Melodien und arrangieren sie neu. Helmut Eisel geht dagegen mit dem Programm "Klarinettengeschichten" historisch vor.

Er spielt seine Klarinette und die Klezmer-Melodien wie sein großes Vorbild. Doch ist dies nicht Einfallslosigkeit, sondern er entzieht sich dadurch der Versuchung, diese Musik zu verkitschen. Aber ganz originaltreu ist auch Helmut Eisel nicht: Das Klezmer-Ensemble, zu dem ne-ben Klarinette auch Violine, Kontrabass, Tuba oder Posaune, Akkordeon und Perkussion gehören, ersetzt er durch ein Klavier. In Richard Ebersbach, einem Jazzpianisten aus dem Saarland, hat er einen Partner gefunden, der zuverlässig, hintergründig humorvoll und mit einer Portion Swing begleitet. Auch Helmut Eisel kommt ursprünglich vom Jazz und fand als Assistent des heutigen "King of Klezmer", Giora Feidmann, zu seinem Klezmerstil.

In der Christuskirche trat das Klezmer-Duo in der Reihe Kunst & Kultur auf, in der schon lokale Klezmer-Größen wie David Orlowski und die Tübinger Gruppe Jontef gastierten. Mit Helmut Eisel fand sich erstmals ein Musiker ein, der auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist. Naftule Brandwein war vor allem für sein virtuoses Spiel berühmt. Und darin steht Eisel ihm in nichts nach. Flinke Finger, knackige Verzierungen und berauschende Klangeffekte brachten das Publikum bei den hurtigen "Freilachs" und heißen "Bulgars" zum Staunen. Sanfte "Horas" und traurige "Dojnas" sprachen das Gemüt an und ließen leise Töne mit feinen Modulierungen vernehmen. Bestechend war auch das Zusammenspiel der beiden Musiker.

Schnelle Unisonoläufe glückten wie aus einem Mund, "schräge", an Osteuropa ausgerichteten Begleitrhythmen gerieten präzise und dennoch weich federnd, und die östlich anmutenden jiddischen Tonarten klangen auch im Zusammenspiel mit der temperierten Skala des Klaviers homogen. Zwischen den Brandwein-Stücken haben die beiden auch eigene Kompositionen eingeflochten. Besonders bot dies Richard Ebersbach kleine Gelegenheiten, solo auf dem Piano zu glänzen. Hierbei pflog er einen Stil, der zwischen George Gershwin und Keith Jarrett anzusiedeln ist und seinen Hintergrund als Jazzpianist deutlich aufleuchten ließ. Sein Begleitstil, der gerne Motive der Klarinette kontrapunktisch aufnimmt, erinnert an Jazzpianisten wie Jerry Lewis vom MJQ. Eine gehörige Portion Humor wird deutlich, wenn Ebersbach in dem einen oder anderen Intro mal ein Mozart-Klavierkonzert oder eine Chopin-Etüde antäuscht. Aber das waren nicht die einzigen Gelegenheiten, wo das Pub-likum gerne schmunzelte.

Helmut Eisel führte überdies schalkhaft durch das Programm, erzählte Neckisches aus Brandweins Musikergebaren und bot manche Gelegenheit, das Publikum durch kleinere Mitmachaktionen in die Musik mit einzubeziehen. Auf diese Weise fand der reichlich abgedroschene Evergreen "Bei mir bist du scheen" zu einer zarten, schlichten und hintergründigen Interpretation, weil die Zuhörerschaft willig Eisels Anweisungen, sich einen Kontrabass und ein swingendes Becken vorzustellen, folgten. Trotz der vielen Ver-zierungen hörten sich die Interpretationen der Klarinettengeschichten schnörkellos und in gewisser Weise klassisch an. Helmut Eisel und Richard Ebersbach sind keine sentimentalen Effekthascher, sondern Klezmorim mit klassischer Eleganz. In der virtuosen Schlichtheit und dem soliden Zusammenspiel liegt ihr Erfolg. Darin knüpfen sie direkt an Naftule Brandwein an.