Kirchheim

„Bessere Zukunft oder Untergang“

Kriegsende Die bürgerlichen Parteien vereinigen sich im Dezember 1918 und werben um die politische Teilhabe von Frauen und Jugendlichen. Noch immer sind viele Soldaten im Einsatz oder in Gefangenenlagern. Von Andreas Volz

Im Kirchheimer „Tyroler“ spricht „Fräulein Schieber“ im Dezember 1918 über das Thema „Die Frau als Staatsbürgerin“.Foto: Carsten
Im Kirchheimer „Tyroler“ spricht „Fräulein Schieber“ im Dezember 1918 über das Thema „Die Frau als Staatsbürgerin“. Foto: Carsten Riedl

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - das sind die Schlagworte der Französischen Revolution von 1789. Bis auf die „Brüderlichkeit“ finden sie sich auch in Deutschland bei der Revolution von 1918 wieder: Am Freitag, 13. Dezember, rufen die bürgerlichen Parteien im Teckboten zur Vereinigung auf. Ihre Forderungen lauten: „Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz; Freiheit in der Gestaltung der Lebensform; Volkstümliche Verwaltung in Staat und Gemeinde; Volksbildung und soziale Gesinnung auf allen Lebensgebieten; Achtung vor jeder religiösen und politischen Ueberzeugung“.

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Allerdings berufen sich die Fortschrittliche Volkspartei und die Nationalliberale Partei, die gerade der neu gegründeten Deutschen demokratischen Partei beigetreten sind, hier nicht auf Paris oder auf das Jahr 1789. Ihre Vorbilder sind die deutschen Demokraten von 1848. Dieser Traditionslinie folgend, schreiben sie 70 Jahre später im Teckboten: „Auf der schwarzrotgoldenen Fahne der deutschen Republik müssen in leuchtender Farbe die Worte prangen: ,Freiheit und Gerechtigkeit‘.“

Am Samstag zuvor, bei ihrer Versammlung im „Tyrolersaal“, hatte die Fortschrittliche Volkspartei betont, dass sie „die alten demokratischen Grundsätze stets befolgt, unentwegt für Volkswahl und Volkswille eingetreten und das schwarzrotgoldene Banner, das sie von den Vätern, den republikanischen 48ern, erhalten, nie entweiht habe“. Jetzt aber würden „die Folgen des unglücklichen Krieges“ ganz neue Bedingungen erfordern: Nötig sei der Zusammenschluss aller Bürger - „ob Handwerker, Arbeiter, Landwirte, Beamte oder Fabrikanten“ - zu „einer“ großen Bürgerlichen Partei, „zu einer Partei, die in demokratisch revolutionärem, in demokratisch sozialem Sinne arbeitet“.

Letzteres scheint im Kaiserreich nicht selbstverständlich gewesen zu sein, denn der Aufruf, der Deutschen demokratischen Partei geschlossen beizutreten, ergeht „an alle Mitglieder der früheren bürgerlichen Parteien, die durch die verhängnisvolle Politik der letzten Jahre umgelernt haben und jetzt auf demokratischem Boden stehen“.

Was dann folgt, zeugt von radikalem Umdenken, denn auch die Frauen und die Jugend sollen nun für die Demokratie geworben werden: „Auch die Frauen müssen helfen. Es soll ein eigener Ausschuß für die politische Arbeit und Aufklärung der Frauen gebildet werden. Der lauteste Appel aber ergeht an die Jugend, sie ist voll Tatkraft und Feuer. Jugendliche Begeisterung muß sich zu fruchtbarer Arbeit mit der Erfahrung und Besonnenheit der Alten paaren.“

Noch eindringlicher wird der Appell zur Mitarbeit am demokratischen Neuaufbau, wenn er am Schluss geradezu prophetische Züge annimmt: „Ein jeder muß den Ernst erfassen, denn es handelt sich um nichts mehr und nichts weniger als um Deutschlands bessere Zukunft oder Untergang.“

Die politische Aufklärung der Frauen nimmt die Deutsche demokratische Partei sehr ernst, denn auf Sonntag, 15. Dezember 1918, lädt sie zur öffentlichen Frauen-Versammlung ins „Hotel Tyroler“. Fräulein Schieber aus Stuttgart spricht über das Thema „Die Frau als Staatsbürgerin“.

Es geht vor hundert Jahren im Teckboten aber nicht nur um die Neuordnung. Es geht auch um die Folgen des Weltkriegs: Oberamtspflege und Amtsversammlung - was heute in etwa Sozialamt und Kreistag entspricht - befassen sich noch vor Weihnachten mit „Erwerbslosenfürsorge“ und „Familienunterstützung“. Unterstützt wurden und werden „Kriegerfamilien“, also Familien, deren Ernährer im Feld stehen.

Keine Päckchen an Gefangene

Dass Soldaten im Einsatz sind, ist auch im Dezember 1918 noch möglich, trotz Waffenstillstands. Am Dienstag, 10. Dezember 1918, informiert der Teckbote die Kirchheimer darüber, dass in die „besetzten Gebiete im Osten [...] alle Arten Feldpostsendungen [...] nach wie vor zugelassen“ seien. Einschränkungen gibt es nur bei Päckchen sowie bei „Kriegs- und bürgerlichen Gefangenen in Frankreich, England und anderen im Westen gelegenen Ländern“. Hier gibt es eine Paketsperre bis 22. Dezember. Nach Russland und Rumänien gehen gar keine Päckchen mehr an Gefangene. Kurz vor Weihnachten ist diese Nachricht für viele betroffene Teckboten-Leser vielleicht sogar wichtiger als der demokratische Umschwung.