Lokale Kultur

Bewegender Roman über Werner Gneist und seine Familie

KIRCHHEIM In der Buchhandlung Margot Schieferle präsentierte Christine Flückiger-Gneist, eine Tochter von Werner Gneist, ihren zweibändigen biografischen Roman "Die Diamantstraße", in dem sie das bewegte Leben ihrer Familie, insbesondere ihrer Eltern, die seit 1948

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RENATE SCHATTEL

in Kirchheim lebten und wirkten, schildert. Zur Matinee strömten viele Kirchheimerinnen und Kirchheimer, die Werner und Trudi Gneist noch persönlich gekannt haben und die mit der Autorin oder ihrer Schwester, Beate Bacher, zur Schule gegangen sind und hörten sich die lebendigen, temperamentvoll vorgetragenen Geschichten der Autorin an.

Christine Flückiger-Gneist sang zu Beginn einen Willkommensgruß, den Werner Gneist in den 1920er Jahren komponiert hatte. Er habe, so die Autorin, 32 Jahre in Kirchheim gewirkt und gelehrt, habe Singtreffen geleitet, war als Zeitungsberichterstatter tätig und habe Spuren hinterlassen. Sie selbst lebte nur neun Jahre in Kirchheim. Werner Gneist hat viele Lieder geschrieben, die heute Volksgut geworden sind, wie der Kanon: "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei". Der Liedschreiber habe sich ausdrücklich Wohlstand gewünscht, weil er als kleiner Junge die bedrückende Einengung durch mangelnde Geldmittel in Schlesien erlebt hatte.

"Zu Wohlstand hat er es nie gebracht", konstatierte die Tochter, das habe an seiner Bescheidenheit und an den Zeitumständen gelegen. Dennoch sei er immer zufrieden gewesen. Gesundheit sei ihm bis zu seiner letzten, ernsten Krankheit immer beschieden gewesen, ebenso der Segen.

Werner Geist wurde von einem tiefen Glauben geleitet. Die Tochter habe beim Sichten des Nachlasses, der aus unzähligen Tagebüchern und Briefen bestand, oft eine Gänsehaut bekommen über die segensreichen Erfahrungen, die der Vater gemacht hatte. Das Glück sei ihm trotz finanzieller Engpässe von Kindesbeinen an bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hold gewesen. So hatte der Zufall, dass er 1898 gerade in Ulm zur Welt kam, für seine Berufung ans Hauswirtschaftliche Seminar 1947 Bedeutung. Glück habe er auch im Ersten Weltkrieg gehabt, denn er wurde nicht an die gefürchtete Westfront geschickt, sondern mit einer Militärkapelle nach Serbien. Mit Glück hatte er auch trotz seiner treuen christlichen Überzeugung das Nazireich gut überstanden. Erst in der Nachkriegszeit begannen Jahre der unüberwindlichen Schwierigkeiten und er litt unsäglich unter der Trennung der Familie, berichtete Christine Flückiger-Gneist. Die Ehefrau Trudi, eine gebürtige Schweizerin, war mit den vier Kindern aus Schlesien in die Schweiz geflüchtet und die Schweizer Grenze war jahrelang hermetisch abgeriegelt. Kein Brief durfte passieren. Nach dreieinhalb Jahren versuchter Bemühungen, die Familie zusammenzuführen, eine Wohnung und Arbeit zu bekommen, sei Werner Gneist in Azendorf bei Kulmbach auf dem Tiefpunkt angekommen. Hier tat sich dann die Möglichkeit auf, ins Seminar nach Kirchheim zu wechseln.

Christine Flückiger-Gneist las aus dem zweiten Band ihrer Romanbiografie vor, wie die Familie Gneist nach schwierigen Unternehmungen in Kirchheim ankam und ihre Wohnung bezog. Auch der 77-jährigen Mutter von Werner Gneist war es gelungen, aus der sowjetisch besetzten Zone auszureisen und in Kirchheim die Familie wiederzutreffen.

In ihrem Roman traf die Tochter von Werner Gneist einen erfrischenden und zugleich bewegenden Ton, das Leben der Familie von der Geschichte der Großeltern bis zur Ankunft in Kirchheim 1948 zu erzählen. Er ist ein von Briefen und Tagebüchern gestütztes authentisches Zeugnis der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch ein Zeugnis der Singbewegung und des Lebens mit Musik.

Einen breiten Raum voller Spannung nimmt die Flucht von Trudi mit den Kindern in die Schweiz ein und ihr dortiges Überleben. Überzeugend hat die Autorin das Leitbild der funkelnden Diamanten gewählt, die immer dann auf dem Lebensweg von Trudi und Werner zu funkeln begannen, wenn die Dunkelheit besonders groß war. Es hätte aber dem mutmachenden Roman nicht geschadet, wenn er etwas gestrafft worden wäre. Insgesamt ein lesenswertes, bewegendes Buch, nicht nur für Gneist-Kenner.