Lokale Kultur

Bewegendes Requiem für die Kriegsopfer

KIRCHHEIM Am Vorabend des Totensonntags führte ein ambitioniertes Projekt die Kirchheimer Stadtkapelle und die Stuttgarter Choristen zusammen: Im Rahmen der Kulturring-Abonnementkonzerte erklangen Werke von Frigyes Hidas

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GERHARD FINK

und James Barnes in der Kirchheimer Martinskirche. Hauptwerk war zweifellos das groß besetzte "Requiem" des Ungarn, der dieses Werk aus Anlass des 40. Jahrestages der Niederschlagung des Ungarnaufstandes von 1956 geschaffen hat.

Innerhalb weniger Jahre hat seine für Solistenquartett, Chor und sinfonisches Blasorchester gesetzte Totenmesse nachgerade einen weltweiten Siegeszug angetreten. Wer die Aufführung am vergangenen Samstag miterleben konnte, wird darüber nicht verwundert sein. Natürlich liest man auch Beckmesserisches über Frigyes Hidas, vor allem aus der Feder von Leuten, die es schlicht nicht für möglich halten, heute mit einer leicht verständlichen und stark der Tradition verhafteten Musik glaubwürdig zu bleiben.

Der Umkehrschluss würde lauten: Musik, die berühren oder gar erschüttern soll, muss sperrig und möglichst schwer zugänglich sein. Einen solchen Standpunkt muss man nicht teilen und Frigyes Hidas wird durch die überlieferten Meisterwerke der vergangenen Jahrhunderte ganz offensichtlich weder bedrückt noch gehemmt, sondern lässt sich von ihnen anregen und beflügeln.

Musikalische Gestaltungskraft und thematische Eigenständigkeit lassen sein Selbstbewusstsein sehr wohl gerechtfertigt erscheinen. Die perfekte Instrumentierung, die wunderbare Beherrschung der Klangpalette eines großen Bläserorchesters erklärt sich aus dem besonderen Rang, den Frigyes Hidas dieser Instrumentengruppe in seinem Schaffen einräumt. Das Ausdrucksvermögen der tiefen Blechbläser, die "Seelenschwingungen", die ein Saxofon hervorbringen kann, sie ergänzen die besonderen Reize von Flöte, Oboe und Klarinette, die häufig auch im traditionellen Orchestersatz die solistischen Akzente setzen.

Hidas bevorzugt eine eher verhaltene Dynamik, die Klanggewalt, die in einem sinfonischen Blasorchester steckt, entfesselt er nur in wenigen Takten, wo dies vom Text her geboten scheint. Schroffe Abgründe aufzureißen ist seine Sache kaum. Selbst im aufgewühlten Dies Irae sorgen die Soli der Sänger immer wieder für eine Beruhigung der Elemente.

Die Kirchheimer Aufführung verriet in allen Teilen einen intensiven Probenprozess und zeugte von dem herausragenden Können der Beteiligten. Unter der umsichtigen Leitung von Harry D. Bath bewältigten die Musiker der Kirchheimer Stadtkapelle die enormen spieltechnischen Anforderungen dieser Partitur präzise und mit ausgeprägtem Klangsinn. Wie das tiefe Blech für die Solosänger ein samtig weiches Fundament legte, wie sensibel das Orchester jede Gefahr der klanglichen Überlagerung zu meiden wusste, wie lebendig die solistisch eingesetzten Bläser ihre Einsätze modellierten dies alles ist höchster Bewunderung wert.

Die Stuttgarter Choristen erwiesen sich als ein in allen Stimmen ausgewogenes und homogen wirkendes Kollektiv, das dem durchaus sängerfreundlich geschriebenen Chorpart mühelos gerecht werden konnte. Selbst im wilden Getümmel behaupteten sich die Choristen gegen das massierte Orchester und wirkten auch im Fortissimo noch unforciert. Das Solistenquartett mit Isabelle Müller-Cant, Susanne Kraus-Hornung, Robert Morvai und Peter Schüler machte aus den im Umfang eher bescheidenen Gesangssoli ein Fest der schönen Stimmen und verlieh den entsprechenden Textpassagen dennoch große Ausdruckskraft.

Dem Requiem voraus ging unter der Leitung von Ernst Leuze und mit Bezirkskantor Ralf Sach an der Orgel die Wiedergabe des "Te Deum" von Frigyes Hidas. Der Botschaft des Ambrosianischen Lobgesangs gemäß vermittelt diese Komposition mehr äußeren Glanz. Die drei Solostimmen in hoher Stimmlage zu den genannten Sängerinnen gesellte sich aus den Reihen des Chors die Sopranistin Carmen Schäfer, die sich nahtlos in das Solistenensemble einfügte vermittelten dem Werk den Charakter eines strahlenden Engelsgesanges.

Abgerundet wurde der erste Programmteil durch den Mesto-Satz aus der 3. Sinfonie von James Barnes eine sehr persönliche und sublime Trauermusik. James Barnes trauert um seine Tochter Natalie, er tut dies aus einer verklärten Stimmung heraus. Zartes Glockenspiel ist Ausgangs- und Endpunkt einer liebevollen Erinnerung, die den Musikern der Stadtkapelle, wiederum unter der Leitung von Harry D. Bath, Gelegenheit gab, allen Klangsinn und alle Einfühlsamkeit zu entfalten, die einem groß besetzten Blasorchester möglich ist.