Lokale Kultur

„Bist Du ein Prinz oder wie heißen Sie?“

Uschi Eid im Gespräch mit Prinz Asfa-Wossen Asserate über „Werte und Tugenden im 21. Jahrhundert“

Kirchheim. Unterschiedlichere Gesprächspartner kann man sich fast nicht vorstellen, dennoch gab es bei dem vorgegebenen Thema überraschend viele Übereinstimmungen.

Wolf-Dieter Truppat

Die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Uschi Eid, und der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, Haile Selassie, Prinz Asfa-Wossen Asserate, hatten freilich schon auf der von Frankfurt aus gemeinsamen Anreise im Zug ausreichend Gelegenheit, sich auszutauschen und mental anzunähern.

Die in Landau in der Pfalz geborene Politikerin, die seit 1980 Mitglied bei den Grünen ist, machte keinen Hehl daraus, als Mitglied der legendären 68er-Generation ganz bewusst mit vielen Konventionen gebrochen zu haben. Prinz Asfa-Wossen Asserate, der 1968 nach Deutschland gekommen war und sich ebenfalls als 68er fühlt – auch wenn er nicht so aussehe – setzte seine stets hochgehaltenen Werte dagegen.

In einem kaiserlichen Haushalt aufgewachsen, von einem österreichischen Kindermädchen und einer deutschen Erzieherin betreut, besuchte er in Addis Abeba die Deutsche Schule und war einer der ersten Schüler, die dort ihr Abitur ablegten. In Tübingen und Cambridge studierte Prinz Asfa-Wossen Asserate Jura, Volkswirtschaft und Geschichte und promovierte in Frankfurt, wo er heute noch lebt.

Dr. Asserate arbeitete nach seinem Studium als Journalist und war von 1980 bis 1983 als Chef der Presseabteilung der Düsseldorfer Messegesellschaft tätig. Heute arbeitet er als selbstständiger Unternehmensberater und als erfolgreicher Buchautor.

Für sein 2003 erschienenes Buch „Manieren“, das wochenlang die Bestsellerlisten anführte, erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis, der verliehen wird für herausragende deutschsprachige Veröffentlichungen, deren Autoren keine Muttersprachler sind.

Bevor das angekündigte tiefschürfende Gespräch über „Werte und Tugenden des 21. Jahrhunderts“ richtig in Gang kommen konnte, mussten die beiden Akteure zunächst noch geduldig zuwarten, bis auch die verspätet einlaufenden letzten Besucher im Vortragssaal der Kirchheimer Stadtbücherei einen Platz gefunden hatten. Dass in die allmählich aufkommende Ruhe hinein dann auch noch das Handy des Prinzen lautstark klingelte, hätte nicht besser inszeniert werden können . . .

Mit ihrem aristokratischen Gesprächspartner schon gut vertraut, stellte Uschi Eid zunächst die Frage nach der richtigen Anrede für den Großneffen des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. „Bist Du ein Prinz, Graf oder Baron oder wie heißen Sie“. Wie sich rasch herausstellte, ist die bescheidene „königliche Hoheit“ aber schon zufrieden, ganz einfach mit „Herr Asserate“ angesprochen zu werden.

Sein Buch „Manieren“, das den „anglo-germanophilen Infanten“ aus Äthiopien über Wochen in die Bestsellerlisten katapultiert hatte, bildete immer den Hintergrund der kurzweiligen Plauderei über gesellschaftliche Werte. Während Uschi Eid sich vor ihrer Lektüre des interessanten und zurecht hochgelobten Buches fragte, ob man so etwas heutzutage tatsächlich brauche, verwies Dr. Asserate darauf, dass die Idee von Hans-Magnus Enzensberger stamme, dem er einst anvertraut hatte, dass er in einem „Zettelkasten“ all das notiert habe, was ihm seit seiner Ankunft in Deutschland aufgefallen ist.

Entstanden ist kein an den Freiherrn Knigge erinnernder Kanon komplizierter Verhaltensvorschriften, sondern eine vergnügliche, geistreiche Ethnologie europäischer und vor allem deutscher Lebensart, eine zuweilen nachdenklich stimmende „Philosophie des Daseins“. Innere Haltung und Herzensbildung sind für Prinz Asserate ganz entscheidende Werte für ein konstruktives Miteinander, bei dem im Idealfall immer die Gefühle der anderen Menschen im Vordergrund stehen sollten. Erst durch den sensiblen Umgang mit seinen Mitmenschen unterscheide sich der Mensch schließlich vom Tier.

Dass antiautoritäre Erziehung von den 68ern gerne mit „keine Erziehung“ gleichgesetzt wurde, machte Dr. Asserate im Gespräch mit Uschi Eid unmissverständlich deutlich. Die Bundestagsabgeordnete gestand dagegen ein, eine sehr rigide Erziehung durchlaufen zu haben und dafür dankbar zu sein – auch wenn sie oft die einzige ist, die im Bus älteren Menschen ihren Platz anbietet.

Beim Einschätzen von Menschen, die er nicht kennt, sind Dr. Asserate vor allem auch die Tischsitten ein wichtiger Gradmesser. Dabei geht es ihm weniger um die Wahl der richtigen Hand oder des richtigen Messers, sondern vor allem um die Art, wie in stundenlanger liebevoller Arbeit entstandene Menüs gewürdigt oder aber einfach verschlungen werden.

Grundsätzlich einig waren sich beide Gesprächspartner darüber, dass universale Werte wie Toleranz, Anstand und Gerechtigkeit in einer Zeit der Globalisierung immer größere Bedeutung erlangen.

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