Lokale Kultur

Blankes Entsetzen beim Anblick des schwarzen Negligees

NEIDLINGEN

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"Deutschland, deine Schwaben", hieß es einst bei Thaddäus Troll, und an der liebenswürdig

ANDREAS VOLZ

selbstironischen Art, wie die schwäbischen Humoristen die Wesenszüge ihres eigenen Volksstamms kritisch hinterfragen und sich selbst aufs Korn nehmen, hat sich bis heute nichts geändert auch wenn Uli Keuler wesentlich fortschrittlicher daherkommt und seine Vorzeige-Berufsschwaben von der Firma "Ha no, ha jetzt Schwaben-Design" ausbilden lässt. Schließlich verlangt die moderne "Eventkultur" nach perfekten Musterschwaben, die jede Veranstaltung durch ihre Originalität zum Erlebnis für alle Teilnehmer werden lassen.

Nun ist Uli Keuler selbst einer der bekanntesten Vorzeigeschwaben, und entsprechend souverän und virtuos spielte er im Neidlinger "Lamm"-Saal denn auch auf der Kehrwochen-Klaviatur schwäbischer Befindlichkeiten. So hat eben das erste Wort eines Schwabenkindes nicht "Mama" zu lauten, sondern "Bausparvertrag", wie der Kabarettist ausführte, genauso wie der wichtigste Bestandteil eines Vogelhäuschens der Fußabstreifer sein muss und wie sich Schwabentum und Sexualität gegenseitig auszuschließen haben. So müsse der Schwabe, wenn ihm nach dem Öffnen der Wohnungstür die Gattin im schwarzen Negligee entgegeneilt, laut Witzbuch nun einmal ausrufen: "Om Gottes Willen, isch was mit dr Oma?"

Uli Keulers Themen sind zeitlos, weil sie das Allzumenschliche im Menschlichen aufspüren und ganz besonders das Allzuschwäbische im Schwäbischen. Insofern bleibt der Wortakrobat der Kleinkunstbühnen seiner Linie treu, wenn er in immer wieder neuen Variationen die ewig gleichen Grundcharaktere schildert: etwa die hypochondrischen und völlig überforderten Strohwitwer zum Leben so unfähig wie zur Kommunikation, obwohl sie allesamt Maulhelden sind. Vermeintliche Grenzgänger entpuppen sich schnell als Stubentiger, die von Mountainbike-Extremtouren durch holländische Gewächshäuser träumen.

Eine weitere Figur aus Uli Keulers Panoptikum ist der verständnisvolle Vater, der mit seinen Kindern alles ausdiskutiert und sich dabei häufig als gnadenlos autoritär erweist. So erklärt er seiner Tochter Laura lang und breit, dass Dänemark gleich neben Schweden liegt und dass deshalb bei einer Hamlet-Aufführung prinzipiell auch Pippi Langstrumpf auftauchen könnte, "falls die auf der Bühne den Vorhang weiter aufziehen". Und wenn Laura rückblickend feststellt, bei dem ganzen Stück habe ihr am besten gefallen, dass es am Schluss aus war, schließt ihr Vater daraus zwar, dass Hamlet "streckenweise nicht ganz für Vorschulkinder geeignet" ist. Aber er würde eher die Schuld bei Shakespeare suchen als sich selbst einzugestehen, dass der gemeinsame Theaterbesuch um einige Jahre zu früh erfolgt ist.

Großartig war Keulers Hemingway-Parodie "Der alte Mann und die Bügelwäsche": Völlig auf sich allein gestellt, nimmt der Mann den ungleichen Kampf mit seinen Hemden und dem Bügeleisen auf. Dabei denkt er zunächst an nasses Heu unter einer Schneedecke bis er die frisch gewaschenen Zigaretten in der Hemdtasche entdeckt. Aber schon bevor er richtig zur Tat schreitet, scheitert er am "Seegang im Wohnzimmer". Das liegt am Kirschwasser, mit dem er sich Mut angetrunken hat. Und als dann am nächsten Mittag plötzlich seine Frau in der Wohnung steht, "sagte sie etwas sehr Lautes, das wesentlich länger war als ,buenos dias'."

Auch bei einer Buchbesprechung im Stile Loriots macht sich Uli Keuler über pseudointellektuelles Gehabe lustig. Statt eines Fahrplans hat sein Rezensent einen privaten Terminkalender erwischt und stellt wegen der stichwortartigen Einträge fest: "Der Autor macht es sich und uns nicht leicht." Dann aber entdeckt der Kritiker die interaktiven Möglichkeiten des Werks und gleitet ab in die abgrundtiefen Bosheiten massiven Telefonterrors, wobei er sich lange Zeit vormacht, an einem großangelegten Rollenspiel teilzunehmen.

Spaßgesellschaft und Eventkultur machen in Uli Keulers bissiger Zeitkritik selbst vor der altehrwürdigen Institution der Feuerwehr nicht halt. Als privatisierte "Deutsche Flame and Water AG" hat sie zwar das "Heuschoberlöschen" in ihrer Angebotspalette, das tatsächliche Ausrücken scheitert aber an der fehlenden Faxbestätigung der Kostenübernahmegarantie von Seiten des Brandopfers. Auch Keulers berühmter Politiker, der um keine Ausrede verlegen ist, landet jetzt nicht mehr zufällig in einer Verkehrskontrolle, sondern lädt die Presse zu seinem eigenen Event ein.

Dass sein Plan, den Atlantik zu durchschwimmen, schon 153 Meter waagrecht und vier Meter senkrecht von der französischen Küste entfernt, misslingt, liegt aber nur daran, dass die Faserstruktur seiner Badehose "auf Süßwasser eingestellt" war. Insofern bleibt wieder alles beim Alten: Der Politiker hat ganze Arbeit geleistet und durch seine Aktion den Tourismus entscheidend belebt. Das zeige die Zahl der Badegäste am französischen Atlantik, die von einigen Dutzend im Januar auf mehrere Millionen im August gestiegen sei.

Eventkultur, E-Mail-, Handy- und Eurozeitalter hin oder her: Uli Keuler baut das alles in seine Texte ein, aber sein Handwerkszeug besteht nach wie vor aus nichts anderem als Mikrofon und Stuhl sowie aus seiner Stimme und seinem Sprachwitz. Sich und dem Publikum hält er damit stets einen Spiegel vor, in dem jeder etwas erkennen kann, wenn auch in den seltensten Fällen sich selbst.

Damit ist aber zumindest gewährleistet, dass dem Publikum das Lachen nicht im Hals stecken bleibt so wenig wie die Fernsehsnacks der guten alten Zeit, von denen der Schwabe Uli Keuler alias Lauras Vater berichtet: "Früher haben wir nur eine einzige Erdnuss bekommen, und unsere Eltern haben gesagt: ,Die anderen schmecken genauso.'"