Lokale Kultur

Blicke auf ein andalusisches Schwarzwalddorf

KIRCHHEIM Nach Dichterlesungen hat der Zuhörer oft Gelegenheit, ein Buch signieren zu lassen. Signieren heißt normalerweise: Datum und Unterschrift. Vielleicht kommt eine Widmung hinzu. Lässt man bei Jose F. A. Oliver ein Buch signieren, ist danach das ganze Deckblatt mit schwarzen Linien gefüllt.

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ULRICH STAEHLE

Ort, Datum und Gruß sind als erstes auszumachen. Auf den zweiten Blick erkennt man in den schwungvollen Linien seinen, das heißt, den Namen des Autogrammjägers. Der Autor versteckt sich selbst vermutlich in einem Linienknäuel links unten.

Die Art der Widmung scheint bei Jose F. A. Oliver Ausdruck seines Schaffens. Es gibt einen besonderen Anlass, es gibt bestimmte Personen und es gibt die Schrift. Bei ihm verwandelt sich dieser Komplex in ein ästhetisches Gebilde. Aus der Schrift wird ein Ornament. Die Gewichte sind verschoben. Die Sichtweise hat sich verändert. Die Sachinformation rückt aus dem Zentrum und ist nur noch Ausgangspunkt für eine neue ästhetische Erfahrung.

Ähnlich verfährt der Lyriker José F. A. Oliver, der auf Einladung des Literaturbeirats der Stadt im Max-Eyth-Haus gelesen hat, bei seinen Gedichten. Der fremdartige Vorname kommt daher, dass Jose F. A. Oliver von spanischen Eltern abstammt, die als Gastarbeiter nach Hausach im Schwarzwald gekommen waren.

Jose F. A. Oliver ist in dem 5 000-Einwohner-Städtchen geboren, aufgewachsen und lebt heute noch dort, unterbrochen allerdings von vielen Auslandsaufenthalten. Wenn er liest, so klingt ein wohltuender alemannischer Tonfall mit. Doch wenn er zur Gitarre greift und ein spanisches Lied singt, so hat er sich in einen Spanier verwandelt, der mit geschlossenen Augen intensiv in einer anderen Welt lebt.

Das Verhältnis zur Sprache ist bei Jose F. A. Oliver von diesem Herkommen geprägt. Er ist zwar mit der deutschen Sprache aufgewachsen, doch er hat durch seine Zweisprachigkeit kein naives Verhältnis zu ihr. Er geht produktiv mit ihr um, zerlegt sie und baut sie neu zusammen. Das gibt ihr neue Ausstrahlungskraft. Einfacher wird sie durch die Vielschichtigkeit allerdings nicht.

Als Einführung las Jose F. A. Oliver aus dem Essay "Mein andalusisches Schwarzwalddorf". Darin wird an die Nöte, die Beschränktheit, aber auch die Geborgenheit dieser Großfamilie erinnert. Jose F. A. Oliver würdigt seine einfachen, tapferen Eltern, die von Tag zu Tag die Rückkehr aus dem in der Not gewählten "Exil" vergeblich erhofften. Der Essay soll nächstes Jahr zusammen mit anderen Essays publiziert werden.

Den Anfang der Gedichtlesung machten Kostproben aus der eben erschienenen Sammlung "finnischer wintervorrat". Der Autor entdeckt in aller Welt eigentlich Unspektakuläres wie beispielsweise eine Möwe am Strand das er versprachlicht. Manche Zeilen erschließen sich sofort, manche sind geheimnisschwanger verschlüsselt. Immer wieder tauchen seine Eltern in der Erinnerung auf. Sie sind ihm ständige Begleiter ("in jeder geschichte die vatermonstranz der mutteraltar").

Bei der Präsentation gibt Jose F. A. Oliver ab und zu eine Einführung in die Situation eines Gedichtes und liest es immer zwei Mal. In einer Publikumsrunde erklärte er, warum. In einem ersten Durchgang sichert er den Text. Im zweiten, schnelleren, liegt der Schwerpunkt auf dem Klang und dem Rhythmus.

Oliver gab auch einen Einblick in seine Dichterwerkstatt. Wenn man zum Beispiel das Wort "werde" inw-erde zerlegt, so bekommt es überraschend neue Konturen. Wenn man statt des unbestimmten Artikels "ein" die Zahl "1" einsetzt, so werde aus dem unbestimmten ein "bestimmter unbestimmter" Artikel. Das "&" verbinde mehr als "und". Das waren Hilfen zur Entschlüsselung der nicht zugänglichen Gedichte als Lesetexte.

Sehr beeindruckend und sympathisch waren Antworten nach der Frage nach seinem Glauben ("Ich bin ein gläubiger Mensch") und dem Umgang mit dem Andenken an den Tod geliebter Menschen. Nach dieser Vermenschlichung des Autors kam noch einmal der nun nicht mehr so komplizierte Poet zu Wort. Er ist ein Meister der Miniatur: "deine augen/ließen mir eine uhrzeit zurück./ Davon nehme ich dem kommenden/ 1 stunde ab". War man geneigt, die verschlüsselten Gedichte resigniert wegzulegen, so hat es Jose F. A. Oliver durch seinen Vortrag, seine Hintergrundberichte und seine Widmung dahin gebracht, dass man sie immer wieder in die Hand nimmt, um Entdeckungen zu machen.