Lokale Kultur

Blutrausch in der Buchhandlung

Dr. Horst Zimmermann und sein treues Publikum reisen mit den Nibelungen zu den Hunnen in den Untergang

Kirchheim. Die Nibelungen nehmen Fahrt auf, und das im wörtlichen Sinne: Auf die trügerische Einladung Kriemhilds hin reisen sie mit großem Gefolge zu ihr ins Land der Hunnen.

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Andreas Volz

Gefolgschaftstreue spielt dabei eine wichtige Rolle, die sprichwörtliche „Nibelungentreue“ eben. Genauso treu leistet auch eine unerschrockene Schar ausdauernder Zuhörer dem Buchhändler Dr. Horst Zimmermann in Kirchheim Gefolgschaft: Zum siebten Mal bereits las er aus dem mittelhochdeutschen Epos eines unbekannten Dichters, das vor rund 800 Jahren entstanden ist.

Der epischen Form hat sich Zimmermann inzwischen perfekt angepasst, indem er die vier Aventiuren, um die es dieses Mal ging (24 bis 27), immer wieder durch Rück- und Ausblicke in den gesamten Handlungszusammenhang stellte. Der folgende Ausblick allerdings sollte sich nur auf das Nibelungenlied und nicht auf die Langzeitlesung beziehen: „Am Schluss bleiben noch drei Leute übrig.“ Daran ist nicht zu zweifeln, und wer es gar nicht erwarten kann, der darf die Schlussstrophen sicher auch schon vorab in einer der eigenen Nibelungenausgaben nachlesen.

Was allerdings noch nicht sicher ist, das ist die Zahl der ausstehenden Lesungen, bevor Horst Zimmermann seinem treuen Publikum vortragen kann, wie ganz am Ende der abschließenden 39. Aventiure innerhalb von nur neun Strophen Gunther, Hagen und Kriemhild erschlagen werden. Aller Voraussicht nach sind noch drei gemeinsame Sitzungen nötig.

Das fürchterliche Gemetzel, mit dem das Nibelungenlied endet, ging in der aktuellen Kirchheimer Lesung gewissermaßen in die Vorrunde. „Von küener recken strîten“ – wie in der allerersten Strophe versprochen – kann das Publikum nun endlich „wunders hœren sagen“. Von nun an geht es Schlag auf Schlag, und die Schläge werden zunehmend tödlich. „Das Blut als Motiv fällt auf“, sagte Dr. Zimmermann, als er zur 25. Aventiure kam, in der die Nibelungen nun tatsächlich in Fahrt kommen und ihrem Untergang entgegenziehen – trotz aller Warnungen, die ein Kapitel zuvor die Reise noch hätten unterbinden sollen. Jetzt ist es zu spät, und der Blutzoll bestimmt die Handlung verstärkt: „Immer wieder bricht brutale, nackte Gewalt durch. Das steigert sich zum Blutrausch.“

Eines der ersten Opfer ist der Fährmann, der die Nibelungen über die Hochwasser führende Donau ins Land der Bayern bringen soll. Weil er sich weigert und den Unterhändler Hagen tätlich angreift, erschlägt ihn dieser kurzerhand. Die Donauüberfahrt endet beinahe auch für den königlichen Kaplan der Burgunden tödlich, wenn auch aus einem anderen Grund: um eine Prophezeiung zu bekräftigen, die Hagen kurz zuvor von zwei Meerfrauen erhalten hat. „Keiner kommt mit dem Leben davon, bis auf den Kaplan des Königs“, hatten sie geweissagt. Hagen bleibt also aus seiner Sicht nichts anderes übrig, als den Nichtschwimmer ins Wasser zu schmeißen und auch noch zu tunken, nur um durch den Tod des Geistlichen die weisen Nixen Lügen strafen zu können.

Nachdem es der Kaplan jedoch fertigbringt, ans Ausgangsufer zurückzukommen, sieht Hagen die Prophezeiung endgültig bestätigt. Aber eigentlich wusste er – der am Hof der Burgunden immer schon derjenige war, der alles weiß – von Anfang an, dass diese Reise tödlich enden wird. Trotzig nimmt er das Schicksal an, das sich für ihn jetzt als unabwendbar darstellt, und zerstört das Boot, sodass keine Umkehr mehr möglich ist. Hagen reitet fortan sehenden Auges dem Untergang entgegen.

Die nächsten Todesopfer sind in der 26. Aventiure der bayerische Markgraf Gelfrat und sein Bruder Else, die den Tod des Fährmanns rächen wollen. Bevor sich die Feindseligkeiten zwischen Nibelungen und Einheimischen im Hunnenland gnadenlos fortsetzen, bietet Aventiure 27 „noch einmal eine Idylle, eine heile Welt und einen angenehmen Gegensatz zu dem, was dann an Etzels Hof passiert“, führte Horst Zimmermann aus. Bei Etzels Gefolgsmann Rüedegêr von Bechelâren werden die Burgunden reich bewirtet und beschenkt. Begeistert war Zimmermann vor allem von der Szene, in der Volkers Minnesang beschrieben wird – eine Anspielung auf mittelalterliche Lyrik in einem mittelalterlichen Epos.

Höhepunkt der Idylle zu Pöchlarn, das kurz vor Melk an der Donau liegt, ist die Verlobung Giselhers mit Rüedegêrs Tochter. Für den Vater, als Gefolgsmann Etzels, soll diese Verbindung mit den Burgunden zum tragischen Konflikt werden, wie Dr. Zimmermann erläuterte. Er sieht darin einen ganz neuen Zug im Nibelungenlied – im Gegensatz zur früheren Epik, in der die Welt letztlich noch geordnet war: „Wo alle Menschen in Gottes Hand eingebettet sind, da kommt es nicht zur Tragik.“ Im Nibelungenlied dagegen gerät die Welt am Ende gänzlich aus den Fugen.