Lokale Kultur

Botschaften aus dem Untergrund

Der Pianist Michael Rayher singt als kompetenter Sachwalter Georg-Kreisler-Lieder in der Kirchheimer Bastion

Kirchheim. Lieder von Georg Kreisler in der Bastion, das passt. Wie das Publikum in den Keller hinabsteigt, so ist Kreisler hinabgestiegen von der Oberfläche des Lebens in die Tiefen des Bewusstseins. In Sehnsüchten und Träumen ist man wahrhaftig, kann man „die Sau rauslassen“. Bei Liebesliedern wird nicht kitschig geseufzt, sondern der Mann malt sich aus, auf welche Weise er seine Freundinnen umbringt. Ertränken und vergiften sind noch gnädige Varianten.

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Wenn die Frau die Koffer packt und zu ihrer Mutter zurück will, so ist das kein Albtraum, dass sie es tut, sondern dass sie es nicht tut. Andererseits: Wenn man via Vernunft feststellt, dass eine Frau absolut keine Fähigkeiten hat, so folgt daraus überraschenderweise: „Sie ist ein herrliches Weib“. „Paule“ ist ein „Mann wie ich und du“, schlägt aber zu häufig zu. Die Freundschaft zum „guten alten Franz“ bedeutet Ausbeutung. Ein demokratisches Gesetz ist ein „Furz“ der Verwaltung. Unter der österreichischen Heurigengemütlichkeit verbirgt sich viel Aggression.

Das sind „böse“ Lieder. Georg Kreisler hat sich dagegen gewehrt, ein böser Mensch zu sein. Wenn er böse Lieder mit viel Sarkasmus singe, so beklage er die Bosheit der Welt. Diese Bosheit hat er selbst erfahren. Er musste mit sechzehn Jahren als Jude Wien verlassen und in die USA emigrieren, wo er sich mühsam als Barpianist durchschlug. Immerhin fand eine künstlerische Begegnung mit Charlie Chaplin statt.

Er kehrte nach Europa zurück und wurde ein anerkannter, aber heimatloser Künstler mit wechselvollen Frauenbeziehungen. „Meine Heimat ist die Kunst“, stellte er klar und bewies das als Textdichter und Klaviervirtuose in seinen Liedern. Im November letzten Jahres ist der Künstler im Alter von neunundachtzig gestorben.

Michael Rayher kam mit doppelter Empfehlung in die Bastion. Zum einen feierte er nach zwanzig Jahren ein Wiedersehen mit einer Bühne, auf der er bei Weihnachtskonzerten als Pianist konzertierte. Er musste als Nürtinger nicht weit anreisen. Danach hat es ihn nach Bremen verschlagen, wo er als Klavierlehrer tätig ist. Die zweite Empfehlung besteht darin, dass sich Rayher schon frühzeitig mit Liedern Kreislers beschäftigt und Noten für sie hergestellt hat. Bei dieser Tätigkeit kam auch ein persönlicher und brieflicher Kontakt mit Kreisler zustande.

Er ist also ein kompetenter Sachwalter des Kreislerschen Erbes. Dreiunddreißig Lieder – von ungefähr 700 – habe er auf Lager. Daraus hat er eine Auswahl in der Bastion geboten, darunter natürlich Klassiker wie den Triangelspieler oder die Tango tanzenden alten Tanten. Sympathischerweise stellte er klar, dass er Kreisler nicht imitieren wolle. Rayher bleibe Rayher. So sitzt er am Keyboard und agiert frontal ins Publikum, nicht wie Kreisler halb abgedreht am Klavier.

Doch ganz kommt er um die Nachahmung Kreislers nicht herum, wenn es um die Tonlage der Stimme oder um den Wiener Dialekt geht. Diesen Anforderungen ist Rayher erstaunlich gut gewachsen. Ganz in seinem Element ist er, wenn er virtuos in die Tasten greift. Zwischen den Liedern braucht die Gesangsstimme kurze Pausen. Bei den Pausenplaudereien mit dem Publikum erzählt Rayer von sich und von Kreisler. Hier wirkte er nicht so entspannt wie beim Tastenspiel. Vielleicht wirkte sich der Stress im Vorfeld aus. Er musste sich auf den letzten Drücker ein Ersatzkeybord besorgen.

Doch Rayher weiß die Stimmung hochzuziehen. Die Telefonbuchpolka und vor allem der Klassiker „Gehen wir Tauben vergiften im Park“ auf schwäbisch – da nimmt er sein „Ü-50-Publikum“ mit und beweist, dass er ein Originalschwabe ist.