Lokale Kultur

Brillantes Tastenfeuerwerk zu vier Händen

Die Pianistinnen Mona und Rica Bard begeisterten gemeinsam mit dem Schwäbischen Kammerorchester in der Kirchheimer Stadthalle

Kirchheim. Zum Ausklang der Konzertmiete des Kirchheimer Kulturrings lud das hiesige Schwäbische Kammerorchester die Zuhörer zu einem ebenso attraktiven wie anspruchsvollen Konzert ein, bei dem

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Ernst Kemmner

mit Joseph Haydn und Felix Mendelssohn Bartholdy zwei Jubilaren gehuldigt wurde. Mit Haydns „Sinfonia concertante“ in B-Dur, einem Alterswerk aus dem Jahr 1792, und Mendelssohns Konzert für zwei Klaviere in E-Dur von 1823 kamen dabei in der ersten Konzerthälfte zwei Werke zur Aufführung, die man sonst im Konzertsaal eher selten zu hören bekommt.

Von Haydns reifem Altersstil geprägt und in der Musikliteratur gemeinhin als sein reifster Beitrag zur Konzertliteratur eingestuft, gefällt das Werk vornehmlich durch den geistreich-humorvollen, wettstreitartigen Dialog der vier Soloinstrumente Violine (gespielt von Agathe Schall-Steiff), Oboe (Elke Karner-Funk), Violoncello (Hartmut Mayer) und Fagott (Ines Kassing) mit dem Orchestertutti. Sämtliche Solisten haben spieltechnische und tongestalterische Aufgaben von beträchtlicher Virtuosität zu bewältigen.

Desgleichen spielt in diesem Stück die Klangfarbenmischung und die Intonation der Soloinstrumente untereinander und im Zusammenklang mit dem Orchester eine herausragende Rolle, ein Anspruch, der vor allem im einleitenden Allegro nicht durchweg eingelöst werden konnte. Davon abgesehen, gefielen in diesem Satz jedoch forsch beherzte Tutti des rhythmussicher begleitenden Ensembles, eine tonschön gestaltete Kadenz der Solisten mit feinen agogischen Dehnungen, mit sauberem Ineinandergreifen des Concertino, durchweg wachem Reagieren aufeinander und ein energisch volltönender Satzschluss.

Einem mit großer Kantabilität und mit insgesamt feiner und eleganter Tongebung von Orchester und Soloquartett musizierten Andante folgte das abschließende, eindrucksvolle Allegro con spirito, in dem die Anforderungen an das Orchester, vor allem aber an die Solisten, noch einmal erhöht wurden. Insbesondere Violine und Violoncello steigen bei ihren exponierten Parts in aberwitzigem Tempo in höchste Höhen auf – eine konzertante Nagelprobe, die eindrucksvoll bestanden wurde. Daneben gefielen der forsche Beginn vor rezitativartigem, im Verlauf des Satzes mehrfach wiederholtem Geigensolo mit entschlossenem Respons im Tutti und der strahlende Mittelteil mit heiter-neckischem Charakter.

Mit den bereits mit vielen Preisen bedachten jungen Pianistinnen Rica und Mona Bard konnten für das Doppelkonzert von Mendelssohn zwei Künstlerinnen gewonnen werden, deren Musizierlust und Spielfreude geradezu körperlich ablesbar waren. Von Mendelssohn mit 14 Jahren komponiert und seiner 19-jährigen Schwester Fanny als Geburtstagsgeschenk zugedacht, wurde das Werk von den Geschwistern auch uraufgeführt, wobei sie mangels Orchester gleich noch die Tutti-Passagen übernahmen. In diesem Frühwerk verschiebt sich die Balance der Klanggewichte zwischen Orchester und Solisten noch zugunsten Letzterer, die darin so manches fingerbrecherisch-virtuose Kabinettstückchen „abliefern“ können.

Dabei klang an diesem Abend die Tutti-Einleitung des gewichtigen, über zehn Minuten dauernden Kopfsatzes „Allegro vivace“ zunächst sehr zurückgenommen, eher zitternd-zögerlich und leicht intonationsgetrübt, was vielleicht der wenig streicherfreundlichen Tonart E-Dur geschuldet war. Mit zunehmender Satzdauer und in den Forte-Passagen nahmen Selbstbewusstheit und Intonationssicherheit des Ensembles dann deutlich zu. Über alle Kritik erhaben dagegen die beiden Solistinnen, die temperamentvoll, höchst spielfreudig, dynamisch nuanciert und fein aufeinander abgestimmt konzertierten. Beeindruckend der rhapsodisch kadenzierende langsame Mittelteil, ein folgendes furioses Accelerando mit rasendem Laufwerk in filigranen Arabesken und ein mit musikantischer Bravour „hingesetzter“, effektvoller Satzschluss.

Im liedförmigen, verträumt melodieseligen Adagio mit einem gut gemeisterten, heiklen Bläsersatz am Anfang war nun ein insgesamt viel selbstsicherer musizierendes Orchester zu vernehmen, das sensibel und mit delikaten dynamischen Abschattungen konzertierte. Schön anzuhören die fein verästelten, kristallin perlenden Melodiebögen in beiden Solostimmen, das machtvolle, fast bedrohlich wirkende Tremolo des Tutti im dramatischen Mittelteil mit darüber liegendem Solo und der von allen Akteuren mit tiefer Empfindung gestaltete Schlussteil des Satzes. Musizierlust pur dann im Finale, einem Allegro, das von silbrigen Tonkaskaden der Klaviersoli und virtuosen Läufen im gesamten Orchester nur so sprudelt. Konzertante Musizierfreude reinsten Wassers von Rica und Mona Bard in einer apollinische Heiterkeit verströmenden Darbietung und mit einem völlig gelöst und unangestrengt fließenden Vortrag ohne die geringste Rhythmusunsicherheit: tosender Beifall, vereinzelte Bravorufe und rhythmisches Klatschen des Publikums, das noch mit einer Zugabe bedacht wurde.

Nach der Pause fand das Konzert mit der späten Sinfonie Nr. 103 in Es-Dur von 1795 seine Fortsetzung. Bei diesem Werk mit „schwereloser Tiefe“ gelang dem Schwäbischen Kammerorchester eine insgesamt stimmige und stilsichere Darbietung. „Markenzeichen“ des ersten Satzes ist der geheimnisvolle Paukenwirbel, der in der Durchführung und vor der Coda nochmals aufscheint und dadurch durchaus spannungsvolle Akzente setzt. Dem weihevoll-feierlichen Adagio folgt ein graziös heiterer schneller Mittelteil, wobei es dem Orchester ansprechend gelang, die Kontraste in Tempogestaltung und Dynamik zur Geltung zu bringen. Daneben war jetzt die Intonation deutlich stabiler als noch in Teilen des Mendelssohn-Konzertes.

Im weit gespannten Variationssatz Andante più tosto Allegretto wechseln sich Teile mit marschähnlich stampfendem Charakter und fast martialischer Rhythmik mit Passagen von größter Durchsichtigkeit ab. Den Bläsern fällt bei der Gestaltung der Klangfarben in diesem Satz eine singuläre Aufgabe zu, die an diesem Abend gut gelöst wurde. Sehr gefällig auch der von Agathe Schall-Steif dynamisch gut austarierte Vortrag im triolisch angelegten Geigensolo einer Variation.

Im festlich-pathetischen Menuett mit teils scherzohaftem Anstrich gefielen der tänzerische Schwung und die Bewältigung der exponierten, heiklen Streicherübergänge, während im melodisch einfallsreichen, tänzerischen Trio das Tempo richtigerweise leicht zurückgenommen wurde. Auch das Finale mit seiner immer neuen Entwicklung und kontrapunktischen Ausgestaltung zweier schlichter Themen gelang dem Orchester gefällig, was vor allem für den imposant musizierten Schluss gilt. Am Ende großer Beifall für das Orchester und seinen Dirigenten Matthias Baur, der sein Ensemble an diesem Abend mit körperbetont engagiertem, klar akzentuiertem Dirigat leitete.