Lokale Wirtschaft

Bundessieger im Doppelpack aus der "Kaderschmiede" Reichle

Die Bissinger Firma CNC-Graviertechnik Reichle setzt ihre Sieger-Serie im Graveurhandwerk fort. Patrick-Rene Pretsch, 20, wird am Samstag in Berlin zum 1. Bundessieger des praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend gekürt. Seine Kollegin Simone Reichart, 21, belegte den dritten Platz.

RICHARD UMSTADT

Anzeige

BISSINGEN Es ist fast so etwas wie das Gesetz der Serie: Wenn der Bissinger Graveurmeister Volker Reichle junge Leute ausbildet, kann man sicher sein, dass diese am Ende ihrer dreijährigen Lehrzeit auf dem Siegertreppchen des Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend stehen. Das war bei Michael Herberth im Jahr 2000 so. Ihm folgte Stefan Schipfer ein Jahr später und heuer haben den Sprung an die Spitze der Graveure Simone Reichart und Patrick-Rene Pretsch geschafft. Letzter darf als 1. Bundessieger der Formenbau-Graveure in der Bundesmetropole die Gratulation des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks entgegennehmen.

Sowohl Simone Reichart als auch Patrick-Rene Pretsch sind Spezialisten ihres Fachs, sie als Relief-Graveurin, er als Flachgraveur. Auf ihrem Gebiet erarbeiteten sie auch ihr jeweiliges Gesellenstück, das schließlich im Leistungswettbewerb alle anderen ausstach.

In einem Kinderbuch entdeckte die 21-jährige Jesingerin "zufällig" die Geschichte dreier ungewöhnlicher Freunde: einer Maus, eines Hahns und eines Schweins. Dieses tierische Motiv griff sie auf und erarbeitete daraus eine Spritzgussform für eine ovale Gürtelschnalle.

Dem 20-jährigen Weilheimer brachte sein Hobby Glück. Er fährt gerne Motorrad und besitzt einen 650er Chopper. Da lag es nahe, eine Siegestrophäe für den Motorrad-Weltmeister 2004 zu entwerfen. Dabei war nicht nur das handwerkliche Können gefragt, bewertet wurde auch die hervorragende Präsentation der Schaustücke. Sowohl in der Gürtelschnalle als auch in der Trophäe steckt viel Handarbeit. Maus, Hahn und Schwein wurden von Simone Reichart sehr detailliert aus dem Metall herausgearbeitet. Patrick-Rene Pretsch fräste die Rennmaschine für sein Gesellenstück aus einem Messingblock und brachte sie auf Hochglanz. Maximal 60 Stunden durften die Graveur-Azubis für ihre Vorzeige-Arbeiten benötigen, das wurde von der Kammer überprüft. Bevor die Prüfungskommission zuvor die Entwürfe absegneten, wurden sie im Betrieb besprochen. Freilich setzten die Götter vor den Lohn nicht nur den Schweiß, sondern auch noch einige andere Hürden wie den Kammer- und den Landessieg.

Das alles kennt Graveurmeister und Ausbilder Volker Reichle aus eigener Erfahrung. Er war mit 19 Jahren selbst 1. Bundessieger bei den Graveuren im Leistungswettbewerb der Handwerksjugend. Reichle bildet nicht aus, weil es die Statistik verbessert oder ein Abkommen es so verlangt. "Ich bilde aus, weil es mir Spaß macht, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten," sagt der erfolgreiche Unternehmer, der in der Ausbildung eine gute und langfristige Investition für seinen Betrieb sieht. Dazu steckt er sich immer wieder das ehrgeizige Ziel: "Wir wollen die Beste beziehungsweise den Besten ausbilden." Und das funktioniert nicht ohne die Eltern. Das weiß Volker Reichle und legt daher Wert auf einen engen Kontakt zwischen Firma, Berufsschule und Elternhaus. "Die Eltern müssen hinter ihren Sprösslingen und deren Ausbildung stehen", erkannte der Graveurmeister, denn während der Lehrzeit gibt es immer mal wieder Durchhänger bei den Azubis, "und dann muss ein Rückhalt seitens der Eltern da sein."

Der Meister selbst sitzt im Landes- und Bundesvorstand des Verbands und kennt die Befürchtungen und Ängste zum Thema Ausbildung. "Viele bilden nicht mehr aus." Er hält deshalb auch mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: "Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr." Die Schule dauere zu lange, der Unterricht sei zu unproduktiv und der Lehrstoff müsse gestrafft werden. Dennoch wirbt der Bissinger Graveurmeister nach wie vor für eine Ausbildung in seinem Handwerk. Vor allem müsse in der Öffentlichkeit endlich das Vorurteil ausgeräumt werden, der Graveur mache nur Schilder.

Dass dem nicht so ist, bewiesen einmal mehr Simone Reichart und Patrick-Rene Pretsch. Ihr Chef und die Kollegen freuen sich über den schönen Sieg der beiden, und die jungen Leute sind ihrem engagierten Ausbildungsmeister gegenüber dankbar. Es ist das erste Mal, dass aus der "Kaderschmiede" Reichle gleich zwei Bundessieger hervorgingen. Jetzt will der Graveurmeister auch 2005 wieder die Besten ausbilden.