Lokale Kultur

"Capri-Fischer" und ein "kleiner grüner Kaktus"

DETTINGEN Bevor gestern auch in Dettingen die Uhr eine Stunde vorgestellt wurde, war am Samstagabend in der Schlossberghalle eine

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WOLF-DIETER TRUPPAT

vielstimmige und viel einschneidendere Zeitreise angesagt. Auf Einladung des Vereins "kultur ecce" waren die "Odeon-Ladies" in Dettingen zu Gast, um die vielen Besucher stimmgewaltig mit schwungvollen Schlagern, Couplets und Chansons in die Zeit der 20er- und 30er-Jahre zu entführen.

Frech, frivol und unvergessen kommt die Musik dieser Zeit noch heute daher, die von der ersten und wohl auch berühmtesten Boy-Group aller Zeiten unsterblich gemacht wurde. Vor genau zehn Jahren erlebte die nur anfangs uneingeschränkt strahlende Erfolgsgeschichte der legendären "Comedian Harmonists" durch den von Joseph Vilsmaier einfühlsam inszenierten Film über eine zurückkehrende Legende eine unvergleichliche Renaissance.

Der ungemein erfolgreiche Film holte mit den darin transportierten unsterblichen Hits und einstigen Gassenhauern auch all diejenigen ein, deren Ohren durch die Gnade der späten Geburt vor einem "kleinen grünen Kaktus" lange Zeit sicher waren und die sich bislang auch nicht tiefschürfenden Gedanken darüber hingeben mussten, ob es tatsächlich "irgendwo auf der Welt" ein kleines Stückchen Glück gibt.

Keine Millionen zu brauchen, weil "kein Pfennig zum Glück" fehlt, war zentrales Thema eines weiteren in der Dettinger Schlossberghalle intonierten Hits, der es schon lange vor der Einführung von Euro und Sommerzeit zu Ohrwurmqualität gebracht hatte und dennoch entsprechend für Furore sorgen konnte.

Die vom Verein "kultur ecce" eingeladenen sechs "Odeon-Ladies" schickten sich schließlich am vergangenen Samstag stimmgewaltig an, auf der von den "Comedian Harmonists" breit angelegten Erfolgsstraße entlang zu stöckeln. In der Besetzung Dorothee Weiss-Schaal (Piano), Alcione Willamil (Kontra-Alt), Lioba Köck und Henriete Schöwitz (Mezzosopran) sowie den beiden Sopranistinnen Britta Dieterle und Karin Brandt, die 1998 die Formation "Odeon-Ladies" gegründet hatte, entzündeten die von jugendlich bis agil changierenden federboabehängten oder auch befrackten Damen ein wahres Feuerwerk unvergessener nostalgischer Hits, die eigentlich fast alle Besucher dieser unfreiwilligen "Ü-30-Partie" hätten mitsingen können.

Die neben der durch Musik und Gedichte, Federboas und Kapotthütchen überzeugend vermittelten Nostalgie im Vorfeld der Veranstaltung in der Dettinger Schlossberghalle ebenfalls versprochene "Comedy" kam dabei aber eindeutig zu kurz. Einige wenige und dank fehlender Moderation eher überraschende als rundum überzeugende und mitreißende Gedichte über "Sänger", "Geliebte", "Kniehang" und "Kehlkopf" schafften es leider nicht, flächendeckend für entsprechende humoristische Freizonen zu sorgen, die das Publikum uneingeschränkt mitreißen konnte.

Nach einer vor der Pause eingelegten Polonäse, die fast niemand auf dem angestammten Sitzplatz verharren ließ, mussten am Ende des kurzweiligen Auftritts der "Odeon-Ladies" dann doch noch einmal die guten alten Capri-Fischer dafür herhalten, um wenigstens im Finale endlich den lange Zeit eher sehnsüchtig vermissten sprichwörtlichen Funken überspringen zu lassen.