Lokale Kultur

Dankbar für ein reiches und farbiges Leben

Die vielfältig sozial engagierte Kunstsammlerin Doris Nöth kann heute ihren 90. Geburtstag feiern

Doris Nöth vor ihrem Haus in der Jesinger Straße 15, das von Kunstliebhabern ebenso frequentiert wurde wie von zahnschmerzgeplag
Doris Nöth vor ihrem Haus in der Jesinger Straße 15, das von Kunstliebhabern ebenso frequentiert wurde wie von zahnschmerzgeplagten Patienten. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Am 5. Oktober 1923 in Ehingen an der Donau als jüngstes Kind des Lehrerehepaares Paul und Desy Nöth geboren, kann Doris Nöth heute ihren 90. Geburtstag feiern. Weit über ihre Wahlheimat

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Kirchheim hinaus bekannt ist die jung gebliebene Jubilarin als Gründerin der bedeutenden „Sammlung Doris Nöth“ mit ihrem Schwerpunkt auf Arbeiten namhafter Künstler der Moderne aus dem Süddeutschen Raum.

Dass für diese über Jahrzehnte gewachsene Sammlung in einem 1624 erbauten Herrenhaus eine neue Heimat gefunden werden konnte, wertet Wolfgang Dick, künstlerischer Berater und Wegbegleiter Doris Nöths, als „eine glückliche Fügung“. Da sich die Möglichkeit ergab, in dem als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingestuften Speth’schen Hof der Städtischen Galerie Ehingen unterzukommen, konnte Doris Nöth zugleich die lange unterbrochene Beziehung zu ihrer Geburtsstadt wiederbeleben und manche alte Freundschaft auffrischen.

Auf schönste Weise erfüllt wurde damit ihr inniger Wunsch, ihren Werken dauerhaften Bestand, konservativen Schutz und ständige öffentliche Zugänglichkeit zu garantieren. Gleichzeitig konnte Doris Nöth maßgeblich dazu beitragen, die Vision des kunstsinnigen Oberbürgermeisters Johann Krieger zu unterstützen, in dem von eindrucksvollen Stuckdecken bestimmten Ambiente des nach einem Dachgeschossbrand im Jahr 2000 aufwendig sanierten Spätbarock-Gebäudes ein Forum für die Moderne zu verwirklichen.

Sie ist dankbar, dass Pflichten und Chancen immer auf sie zukamen und sie sie nur wahrnehmen musste. „Das machte mein Leben so reich und farbig.“

Sehr stark wurde Doris Nöth von ihrem im Krieg ums Leben gekommenen acht Jahre älteren Bruder Günther geprägt, dessen Ideale auch ihr Leben bestimmten. Schon früh sammelte sie Bilder, teilte seine Leidenschaft für Kunst und folgte auch seiner Berufswahl. Von 1957 an arbeitete sie über 35 Jahre in ihrer Zahnarztpraxis in der Jesinger Stra­ße  15, die zugleich ein wichtiger Treffpunkt für Künstler und Kunstinteressierte wurde.

Besonders prägenden Einfluss hatten dabei zwei sehr unterschiedliche Künstler. Zum einen war das der leutselige, durch seine Landschaftsbilder unvergessene Webers Carle. Neben diesem schon etablierten Original faszinierte sie auch der in ihrer direkten Nachbarschaft lebende, eher introvertierte Jürgen Mack, der später, vor allem durch seine Collagen bekannt, von ihr schon früh als Talent erkannt und entdeckt wurde. Wichtig für den Ausbau der Sammlung war und ist aber der Künstler und Grafiker Wolfgang Dick, der das Augenmerk der Sammlerin immer wieder auf erst noch zu entdeckende Künstler lenken konnte.

Die Begegnung mit und die Nähe zu Menschen war Doris Nöth immer sehr wichtig, die ihre Sammelleidenschaft mit dem für sie „schönsten Beruf der Welt“ finanzieren konnte. Auch wenn der Zahnarztbesuch nicht zu den allgemein anerkannten Freuden des Lebens zählt, versuchte Doris Nöth immer, vorhandene Spannungen schon im Vorfeld abzubauen und mit der Hilfe ihres Humors dem Horror Zahnschmerz den Garaus zu machen.

Neben ihren künstlerischen Ambitionen war die Mitbegründerin und langjährige Sprecherin des Kunstbeirats immer auch sehr vielfältig ehrenamtlich tätig. Die Kirchengemeinderätin engagierte sich auch im Firmunterricht und lernte im Wächterheim ein Kind kennen, für das sie eine Patenschaft übernahm und zu dem sie bis heute noch Kontakt hat. Viele Jahre arbeitete sie auch im Buschcafé mit und kümmerte sich dort um benachteiligte Menschen, die sie gerne auch in ihre Galerie einlud, um mit ihnen über die Kunst ins Gespräch zu kommen. Besonders schätzte sie immer wieder auch die Gespräche und Rückmeldungen bei Besuchen von Kindergartengruppen.

In der Beschwerdestelle des Sozialpsychiatrischen Dienstes setzte sich Doris Nöth für die Interessen von Menschen ein, die mit ihrer Klinik oder den sie betreuenden Personen nicht klar kamen. Sehr eng verbunden ist sie noch immer mit drei Patienten, die mit dem Gesetz in Konflikt kamen. Einer kam erst vor wenigen Tagen zu Besuch, ein anderer verbrachte in seiner Zeit als Freigänger die Wochenenden immer unter ihrem schützenden Dach. Vor Kurzem wurde Doris Nöth in der Stadt von einer Frau angesprochen, die als Kind schon bei ihr in der Praxis war und deren Oma sie im Rahmen ihres Hospizdienstes begleitet hatte.

Für sie selbst ist nach einem erfüllten Leben der Tod kein Tabu, sondern ein Thema, mit dem sie sich intensiv beschäftigt. Neben ihrer Sammlung, die schon den Weg in ihre Geburtsstadt geebnet und viele Begegnungen mit ehemaligen Wegbegleitern ermöglicht hat, wird sich auch für sie persönlich eines Tages der Kreis dort schließen. Doris Nöth legte fest, dass sie im Familiengrab in Ehingen beigesetzt wird und hat auch ihren Grabstein schon ausgesucht. Keine moderne Skulptur wird ihr Grab zieren, sondern ein schlichter Basalt-Findling, der nur ihren Namen tragen soll.

Ihren heutigen Festtag verbringt Doris Nöth in aller Stille und Dankbarkeit in einem Würzburger Pflegeheim bei ihrer fünf Jahre älteren Schwester Ilse, die die Freuden des Alters aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in vergleichbarem Maß genießen kann wie sie selbst. Nach ihrer Rückkehr nach Kirchheim wird die 2006 mit dem Ehrenamtspreis „Starke Helfer“ und 2009 mit der Bürgermedaille geehrte Galeristin aber noch genug Gelegenheit haben, in ihrem immer offenen Haus mit ihren vielen Freunden aus der Kunstszene, den vielen im Klosterviertel lebenden Nachbarn, aber auch den vielen Menschen zu feiern, denen sie in schweren Lebenslagen schon geholfen und Trost zugesprochen hat.