Lokale Wirtschaft

"Dann beantragen wir eine Arbeitserlaubnis für Japan"

Solche Bilder waren auf dem Esslinger Marktplatz bislang unbekannt. Während das eindrucksvolle Kielmeyerhaus zusammen mit den Kirchen sonst die Kulisse für Wochenmarkt oder Zwiebelfest abgibt, zogen mehr als 300 Panasonic-Mitarbeiter mit einem Sarg zu dem historischen Ort und riefen immer wieder: "Wir wollen Arbeit."

HERMANN DORN

Anzeige

ESSLINGEN Unter den Demonstranten, die vom Bildröhrenwerk in Oberesslingen in die Innenstadt marschieren, herrscht Empörung. Dass der japanische Konzern den Standort schließen und die 620 Mitarbeiter entlassen will, geht nicht in die Köpfe der Belegschaft. Weltweit sei doch ein Gewinn von 2,3 Milliarden Euro eingefahren worden, sagen sie und fragen, ob ein Wirtschaftssystem mit solchen Widersprüchen auf Dauer funktionieren kann.

Sieghard Bender, 1. Bevollmächtigter der IG Metall, schlägt scharfe Töne an. "Der Konzern behandelt Menschen wie Dreck", schimpft er vor den Demonstranten, zu denen sich die Dekane der evangelischen und katholischen Kirche gesellen. Der Redner kämpft gegen die Resignation an, die sich in der Belegschaft ausbreitet. Er wiederholt die Forderung, der Konzern müsse seine Pläne für ein neues Werk in Esslingen realisieren. Dass er in Japan auf taube Ohren stößt, kann ihn nicht entmutigen. Bei der nächsten Verhandlungsrunde will er das Thema erneut ansprechen. Für den Fall, dass der Konzern bei seinem Nein bleiben und die 1,2 Milliarden Euro in einem anderen Land investieren sollte, lädt Bender die Belegschaft zu einer Reise nach München ein. "Dann beantragen wir auf dem japanischen Konsulat eine Arbeitserlaubnis für Japan", kündigt er unter dem Beifall der Kollegen an.

Die Nachricht, Panasonic geize bei den Abfindungen und wolle die Belegschaft zum 1. April in eine Auffanggesellschaft überführen, hat die Stimmung zuletzt angeheizt. In der vergangenen Woche spitzte sich der Konflikt weiter zu. Mit gerichtlicher Hilfe verhinderte die Geschäftsleitung eine Betriebsversammlung. Außerdem soll Mitarbeitern gedroht worden sein, eine Teilnahme an der Kundgebung könne eine Abmahnung oder gar eine fristlose Kündigung zur Folge haben. Bender pocht dagegen auf den Kündigungsschutz, der bis 30. November gelte. Und für den Fall arbeitsrechtlicher Konsequenzen für Demonstranten kündigt der Betriebsrat an, "dann werden wir das Werk besetzen".

Alle kämpferischen Töne können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele die Hoffnung verloren haben. "Eine glückliche Wende halte ich für ausgeschlossen", sagt ein Mitarbeiter. Er will mit seiner Teilnahme an der Demo gegen den "Wahnsinn der globalisierten Wirtschaft" protestieren und die Forderung unterstreichen, dass wenigstens eine anständige Abfindung ausgehandelt wird.