Lokale Wirtschaft

Das "Dornröschen" wird endlich doch noch wachgeküsst

Mit dem nun erfolgten Beginn der erforderlichen Abbrucharbeiten endet der lange Dornröschenschlaf des Schlachthofareals. Wo einst Metzger ihre Messer wetzten, sollen nun in behutsam restauriertem und mit modernen Elementen ergänzten historischem Ambiente moderne stadtnahe Wohnungen entstehen.

KIRCHHEIM Lang, lang ist es her, dass die letzte Sau durch die Tore des Kirchheimer Schlachthofes getrieben wurde. Nach mehr als einem Jahrhundert schloss Ende 1995 diese traditionsreiche Einrichtung endgültig ihre Pforten. Während der Großteil des Geländes einer neuen Wohnbebauung wich, fiel das stolze und beeindruckende Schlachthofgebäude in einen fast jahrzehntlangen Dornröschenschlaf. Jetzt wird es endlich wieder wachgeküsst.

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Wer hat sich in den letzten zehn Jahren nicht schon alles am alten Schlachthof versucht. Die Stadt selbst machte sich einst Gedanken über einen Hort für Künstler und Kultur, doch fehlte es schon damals am dafür erforderlichen Geld. Eine Markthalle sollte entstehen, nur war in der Marktstadt Kirchheim kein Bedarf vorhanden. Von einem Parkhaus war eine Weile ebenfalls die Rede, doch war diese Idee wegen der Denkmalseigenschaft des historischen Schlachthofgebäudes und der vielen dort vorhandenen Stützen nicht wirklich möglich.

Eine Initiativgruppe wollte sich schließlich an eine Komplett-Sanierung des Schlachthof-Gebäudes he-ranwagen, doch war dieses ambitionierte Projekt letztlich aus finanziellen Gründen zum Scheitern verurteilt. Als einzig tragfähiges Konzept hat sich am Schluss ein weitgehender Abbruch und Neubau jedoch unter Erhalt und Sanierung stadtbildprägender Bauteile herausgestellt.

Bis es so weit war, brauchten die Investoren, die Kirchheimer Familie Riethmüller, jedoch einen langen Atem. In unzähligen Gesprächen mit der Stadtverwaltung und in vielen Runden im Gemeinderat wurde am Konzept gefeilt. Nach fast vier Jahren war es dann so weit und die Baugenehmigung konnte erteilt werden. Inzwischen haben nun auch die Abbrucharbeiten begonnen. Den Auftrag dazu erhielt ein lokal ansässiges Unternehmen.

Der Schlachthof wird damit freilich nicht ganz aus dem Kirchheimer Stadtbild verschwinden, sondern bleibt der Nachwelt als einzigartige Kombination aus Alt und Neu erhalten. Die südliche Jugendstilfassade sowie der markante Turm und der Kamin bleiben bestehen und werden entsprechend aufwendig restauriert. Der nördliche Teil des Gebäudes hingegen wird komplett abgebrochen und weicht einem Neubau.

Bis Herbst nächsten Jahres wird hier ein interessanter Kontrast zwischen alter Bausubstanz und moderner Architektur entstehen. Wie Oliver Riethmüller als Sprecher der Investoren ausführt, wird das Erdgeschoss des zukünftigen Gebäudes Gewerbeflächen und die Parkierung beherbergen. Neben Büros oder Praxen wäre auch Platz für ein Café oder Bistro, angrenzend an die nördlich gelegene öffentliche Grünfläche. Dort könnte eine Außenbewirtschaftung stattfinden, eine gastronomische Nutzung allerdings nur im nachbarschaftsverträglichen Rahmen.

Für einen Restaurantbetrieb bis in die Nachtstunden ist in diesem stadtnahen Wohnobjekt jedoch kein Platz. "Das verträgt sich nicht mit hochwertigem Wohnen", betont Oliver Riethmüller. In den Obergeschossen sind großzügig geschnittene Eigentumswohnungen geplant. Auf umgebende Natur muss trotz zentraler Lage nicht gänzlich verzichtet werden: Neben großen begrünten Dachterrassen und Loggien sorgt die Lauter mit ihrem bis zur Max-Eyth-Straße renaturierten Uferbereich für ein entsprechendes Ambiente.

Die ambitionierte Architektur versucht einerseits, das Gebäude mit seinen Satteldächern der umgebenden Bebauung anzupassen, doch werden andererseits auch im neu gebauten Teil viele moderne und zeitgenössische Elemente das Erscheinungsbild entscheidend prägen. Der Laubengang wird zu großen Teilen transparent verglast, der nördliche Kopfbau erhält große, meist bodentiefe Fenster, dazu kommt ein begrüntes Flachdach als zurückgesetztes Staffelgeschoss zur Schülestraße hin.

Eine altersgerechte Bauweise wird bei diesem Projekt ebenfalls großgeschrieben. So sind sämtliche Wohnungen bequem und schwellenlos per Aufzug erreichbar. Dies gilt auch für die besonderen Highlights im Haus: Die drei exklusiven Penthouse-Wohnungen im obersten Geschoss ermöglichen auf einer Fläche von jeweils etwa 150 Quadratmetern ein Wohngefühl, das man anderswo in Kirchheim nur selten findet. Aber auch die übrigen Wohnungen, meist um die 100 Quadratmeter Nutzfläche, sind nicht gerade winzig.

Mit den zukünftigen Bewohnern des Schlachthofs hofft auch die gesamte Nachbarschaft in diesem Bereich auf einen möglichst raschen Baufortschritt. Zwar ist das Gerberviertel seit Jahren als Sanierungsgebiet ausgewiesen, doch hat sich bisher wenig getan. Spätestens mit dem Lärm der Abbruchbagger ist es mit der Ruhe nun vorerst vorbei.

pm