Lokale Kultur

Das Ende von „Sei auch schön brav“ naht . . .

Timo Brunke informierte über die faszinierenden Wege unserer Wörter und fragte sein Publikum „Warum heißt das so?“

Kirchheim. Interessantesten Nachhilfeunterricht erlebten gestern Vormittag all diejenigen Schülerinnen und Schüler, die mit ihren Lehrerinnen gemeinsam in den Vortragssaal der Kircheimer Stadtbücherei gekommen waren. Timo Brunke

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stellte sein vom österreichischen Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Sparte „Junior Wissen“ zum besten „Wissenschaftsbuch des Jahres 2010“ ausgezeichnetes Kinderbuch vor, in dem er gewissenhaft der Herkunft von Wörtern nachgeht .

Misstrauen ist aber dennoch angeraten, denn in immerhin neun von 130 „Fällen“ wird nicht die Wahrheit gesagt, sondern seine genauso überzeugend klingende Erklärung einfach frei erfunden. Schnell vergessen werden sie sicherlich wieder, was ihnen der aus Kirchheim stammende Sprachvirtuose in einer kurzweiligen Unterrichtsstunde über die angebliche Herkunft der Worte „Hobby“, „Ketchup“ und „Nudel“ mit fast schon wissenschaftlicher Genauigkeit erklärt hat. Nie wieder vergessen werden sie aber sicherlich, was sie über die Bedeutung des Wortes „brav“ gelernt haben.

Mit seinem gut aufgebauten Stützunterricht konnte der literarische Kabarettist und Performance-Poet die Autorität all der Eltern gehörig untergraben, die immer viel zu viel Wert darauf legen, dass ihre Kleinen auch wirklich brav sind. Wissen ist Macht, das ist bekannt. Dank Timo Brunke ist es in diesem speziellen Fall neu verteilt worden.

Dank seiner sprachwissenschaftlichen Fortbildungsveranstaltung wissen die Schülerinnen und Schüler seit gestern mehr als manche Eltern oder auch Lehrer. Er führte sein wissbegieriges Publikum zurück in die Zeit, als sich Felle und Brustpanzer tragende, bärtige Germanen und glatt rasierte, wohlgekleidete römische Bildungsbürger noch feindlich gegenüberstanden. Für die Römer waren die wilden Kerle, wie alle anderen, die nicht ihre – bei Schülern ja bis heute innig geliebte – Sprache sprachen „Barbaren“. Bildungspolitisch schauten sie ja vielleicht schon ein bisschen auf diese Wilden herunter, im Blick auf anstehende Auseinandersetzungen hatten sie aber großen Respekt vor ihnen. Sie waren so von ihnen beeindruckt, dass sie das Wort „bravabus“ erfanden, das bedeutete „wild wie ein Barbar“. Das heute auf „brav“ verkürzte „bravabus“ bedeutete also ursprünglich, auf Befehl „wild wie ein Barbar“ zu sein und mutig zu kämpfen. Da man aber schlecht „nach Vorschrift wild“ sein kann, verschwand die Wildheit aus der Bedeutung und es blieb allein die Vorschrift übrig.

So wurde also „aus dem ‚wilden brav‘ unser ,liebes brav‘“, schloss Timo Brunke seinen überzeugenden „Indizienbeweis“. Die besorgte Mahnung, die Kinder hätten brav zu sein, würde damit vom Ursprung her also tatsächlich bedeuten, dass sie erwarten, dass ihre Kinder während ihrer Abwesenheit gefälligst so wild sein sollen wie die Barbaren. Da das ganz gewiss nicht ihre pädagogische Intention sein kann, ist es im Zweifelsfall also doch wichtig, nicht alles ganz wörtlich zu nehmen.

Spielerisch lernten die Kinder, dass sich Sprache wandelt und fremden Einflüssen ausgesetzt ist. Die überzeugende These, dass Ketchup aus dem Englischen stammt, stand sofort unwidersprochen im Raum. „To catch“ bedeutet schließlich „fangen“ und „up“ heißt „auf“. Ketchup bedeutet also „fang auf“ und rührt daher, dass es in englischen Familien üblich ist, sich bei Tisch die Ketchup-Flasche zuzuwerfen, entwickelte Sprachakrobat Brunke seine kreativen Gedanken. Schön erfunden, aber leider genauso wenig wahr, wie die von großem Kichern begleitete, aber dennoch geglaubte Behauptung „Nudel“ käme von „nudus“ und bedeute daher „nackt“. Zu Nudeln gäbe es daher meist Soße – sozusagen als „wärmendes, fließendes Kleid für die ansonsten splitternackte Nudel“.

Schwimmt die Nudel in einer Suppe und wird dann für Elternohren etwas zu lautstark gegessen, heißt es schnell „Hör auf zu schlürfen“. Tatsächlich kommen aber Wörter wie „Suppe“, „schlürfen“, „saufen“ und „Saft“ von dem Unwort „seu“, das wiederum „saufen, absaugen und eben schlürfen“ bedeute. Wenn also eine „Suppe“ eine „Saufe“ oder „Schlürfe“ sei, dann sei sie natürlich auch zum „Schlürfen“ da, leitete Timo Brunke schlüssig ab.

Von „Abrakadabra“ bis „Zwieback“ reicht sein von Susann Heselbarth passend bebildertes Herkunftswörterbuch „Warum heißt das so?“, das sich natürlich nicht um die Dauerbrenner „cool“ und „geil“ herummogeln kann, die von Kindern ja sehr gerne im fliegenden Wechsel verwendet werden. „Cool“ bedeutet für sie nun einmal „geil“ und umgekehrt.

Timo Brunke differenziert da, denn „cool“ kommt schließlich von kühl und bedeutet, dass jemand „einen kühlen Kopf bewahrt“. „Geil“ stamme dagegen eindeutig aus der Welt der Bierbrauereien und komme von „aufschäumend“. Ein „geiles Rad“ klingt für ihn daher gar nicht so cool, denn was soll eigentlich an einem „aufschäumenden Fahrrad“ so besonders sein.

Da ist der aus Tschechien stammende „Schmetterling“ doch bedeutungsmäßig viel interessanter. Der kleine Sahneräuber setzt sich gerne auf Milchkannen und nascht vom süßen Rahm, der in Sachsen immer noch mit „Schmetten“ bezeichnet wird. Nach so viel Wissenswertem bedankte sich das begeisterte Publikum brav mit langanhaltendem, wildem Applaus.