Lokale Wirtschaft

Das Finanzamt kämpft mit Problemen

Steuerbescheide lassen auf sich warten

Wegen einer Software-Umstellung kämpft das Finanzamt Nürtingen weiterhin mit Prob­lemen. Das neue Computersys­tem erschwert die Bearbeitung der Steuererklärungen.

Nürtingen. Von einer „schwierigen Ausgangslage“ sprach Finanzamtsvorsteher Jürgen Lieven bei einem Pressegespräch in der Nürtinger Behörde. Die Umstellung der Software verlängere die Bearbeitungszeiten für Steuererklärungen erheblich, und die Einführung der elektronischen Lohnsteuerkarte dauere länger als geplant.

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Wäre das Nürtinger Finanzamt mit seiner Außenstelle in Kirchheim ein Unternehmen, könnte sich dessen Bilanz aber sehen lassen: Mehr als 694 Millionen Euro stehen auf der Einnahmenseite. Der „Kundenstamm“ der Behörde ist groß: Egal ob Arbeitnehmer, Selbstständige oder Unternehmen, ob Autobesitzer, Erben oder Häuslebauer – jeder ist „Kunde“ des Finanzamts.

Für die wenigsten dürfte der Gang zum Finanzamt jedoch erfreulich sein. Schließlich ist die Steuererklärung Jahr um Jahr mit viel Papierkram verbunden. An den Standorten in Nürtingen und Kirchheim gibt es seit einigen Jahren die „Zentrale Informations- und Annahmestelle“ (ZIA). Dort werden pro Jahr rund 70 000 Auskünfte erteilt und Unterlagen entgegengenommen. „Die ZIA ist ein Erfolgsmodell“, betonte Lieven. Denn so könne man auch als Laie ohne Steuerberater relativ unkompliziert mit der Behörde in Kontakt treten.

Allerdings droht den Steuerzahlern Ungemach, die selbst der beste Berater nicht ausbügeln kann: Denn die Bearbeitungszeiten haben sich in diesem Jahr deutlich verlängert. „Die Durchlaufzeiten betragen derzeit zwischen acht und neun Wochen“, sagte Wolfgang Fälchle, Hauptsachgebietsleiter Einkommenssteuer. Weitere zwei Wochen müsse man einrechnen, bis der Steuerbescheid ins Haus flattere. Das sei deutlich länger als im Vorjahr. Damals hatten die Finanzamtsmitarbeiter für die Veranlagung vier bis sechs Wochen benötigt.

Grund für die Verspätungen ist eine Softwareumstellung, die den Mitarbeitern Kopfzerbrechen bereitet. Mit dem neuen System „Konsens“ (Koordinierte neue Software-Entwicklung der Steuerverwaltung) wird seit April in der Nürtinger Behörde gearbeitet. Es sollte eigentlich alles einfacher machen. Doch das bundesweite Projekt hat seine Tücken: So müssen 95 finanzamtsinterne Verfahren umgestellt und 1 300 neue Programme auf den Rechnern installiert werden. Sie sollen die 95 Millionen Datensätze in den Griff bekommen, mit denen die Finanzbehörden zu tun haben.

Weitere Fallstricke lauern im Föderalismus: Die Software muss für jedes Bundesland angepasst werden. Das klappt mit dem ursprünglich aus Bayern stammenden Programm wohl nicht so gut wie erhofft. „Es ist schwierig für uns, aber auch für die Steuerbürger“, sagte Lieven. Schließlich erwarte der Steuerzahler eine rasche Bearbeitung seiner Unterlagen.

Für das Steuerjahr 2011 beginnt die Veranlagungskampagne mit dem Jahreswechsel. Auch hier sehen die Verantwortlichen in Nürtingen Probleme auf sich zukommen: Die Programme dafür werden erst im Februar geliefert. Institutionen und Unternehmen müssen ihre Steuerdaten bis Ende Februar zentral digital abgeliefert haben. Ab März sollen den zuständigen Finanz­ämtern diese dann aufbereitet vorliegen, damit sie die Steuererklärungen der Arbeitnehmer bearbeiten können. „Im Januar können wir gar nicht veranlagen“, erklärte Fälchle, denn die benötigten Programme seien noch gar nicht verfügbar.

Ein weiteres Projekt zur Digitalisierung des Finanzwesens ist ebenfalls ins Stocken geraten: Die elektronische Lohnsteuerkarte sollte zum Jahreswechsel starten. Doch auch hier gab es Probleme: Zu viele der erfassten Datensätze seien fehlerhaft gewesen, entsprechend hoch waren die Reklamationen. „Bei uns sind die Drähte heiß gelaufen“, erzählte Lieven.

Da erscheint es fast wie Hohn, was auf dem Faltblatt zur elektronischen Lohnsteuerkarte selbstbewusst verkündet wird: „Papier war gestern.“