Lokale Kultur

Das "Fräuleinwonder" mit dem frechen Mundwerk

DETTINGEN "Schwaben und Erotik zwei Welten, die sich nie begegnen." Trotzdem bekannte sich Fräulein Wommy Wonder bei ihrem

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HEINZ BÖHLER

Gastspiel in der Dettinger Schlossberghalle zu ihrer schwäbischen Heimat. Zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe der Dettinger kultur ecce anlässlich deren zehnjährigen Bestehens boten Wommy Wonder und ihr Begleiter Timo Marc eine Travestie-Show, die so manche Standup-Comedy in den Schatten stellte.

Wommy Wonder selbst wurde in Riedlingen geboren. Es sei aber auch keine Schande aus Wendlingen zu kommen, so die Travestie-Künstlerin. Sie selbst habe sogar Lenninger Blut an der Stoßstange. Gegen Plochingen habe sie gar nichts "wenigstens nichts Wirksames". Als es einst geheißen habe "Unser Dorf soll schöner werden", habe sie gehen müssen. Doch aus dem hässlichen Entchen ist ein Schwan geworden oder zumindest etwas in der Art. Denn anders als ein Schwan hat Wommy, die eigentlich Michael Panzer heißt und auf ein abgeschlossenes Theologiestudium zurückblickt, "Beine bis zum Hals". Und die zeigt er auch gerne. Wenn die "Dame" damit schon so manchen Gast zu einem zweiten Besuch ihrer Show verlocken konnte, erledigt ihr Mundwerk den Rest. So erzählt Wommy vom Brandsalbenverkäufer vor dem Krematorium. Oder dem Geruch, der ihr entgegenschlägt, wenn sie den Arm hebt: Er komme direkt aus der Achsel des Bösen und stelle einen biochemischen Kampfstoff dar.

Dann ist der nächste Fummel-Wechsel fällig, den überbrückt ebenfalls mit einer steifbraunen Perücke der magisch nicht ganz unbegabte, dennoch unvergleichliche Timo Marc. Mit seinen Taschenspielertricks verblüfft der "laufende Meter" das Publikum ein ums andere Mal. Seinen Paradeauftritt hat er aber erst in Uniform als Kaiser Franz Josef, der mit seiner Zweimeter-Sissi herrlichen Playback-Zeiten entgegen schwebt.

Doch auch vermeintlich ernste Themen bewegen Fräulein Wommy: "Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ziehen wir dazu an? Wenn Distelöl aus Disteln ist, woraus ist dann Babyöl?" Und wenn sie dusche, sagt sie, käme ihr wie ein Pawlowscher Reflex plötzlich das Denken. Zum Beispiel ein Nachdenken über die Schwaben und die Erotik. Und da sie es mit Hegel hält, dem zufolge Optimismus nur ein Mangel an Information sei, erfindet sie kurzerhand für die schwäbische Hausfrau das Kondom mit Bewegungsmelder. Dass und wie sehr es daran mangele, erkenne man daran, dass in jenem schöner gewordenen Dorf 500 Einwohner nur sieben Nachnamen hätten: Wenn dort der Pfarrer seine Gemeinde mit "liebe Brüder und Schwestern" anrede, wisse jeder, wie es gemeint sei.

Obwohl den Zuschauern langsam die Lachmuskeln versagen, gerät das Zwerchfell immer wieder aufs Neue ins Zittern, wenn das "Fräulein" zum Beispiel in die Schaffschürze der Reinigungsfrau Elfriede Schäufele schlüpft und von Diäten, Freundinnen und Tourneen mit den Fischer-Chören schwadroniert. Das Alleinsein hat sie satt, die Elfriede, wie gut, dass sie bei ihrem Schwätzle mit dem Publikum den Otto kennenlernt. Ein anschließendes Liebeslied ist natürlich jenem Otto gewidmet. Ein abschließender Seiltrick von Timo Marc und ein Abschiedslied der wieder ins Gewand einer Diva geschlüpften Wommy erspart keinem der Beteiligten ein leises Gefühl des Schmerzes. Und so bemerkt der geneigte Zuschauer erst auf den zweiten Blick, dass das weiße Tüchlein, mit dem sich das "Sensibelchen" auf der Bühne wiederholt über die Augen fährt, nicht zum Tränentrocknen, sondern schon zum Abschminken in Gebrauch ist.