Lokale Kultur

Das Fundament der Juden und der Christen

KIRCHHEIM Zu einem Vortrag über das Alte Testament der Bibel hatte die evangelische Gesamtkirchengemeinde zusammen mit dem interkulturellen Verein Beit Lechem

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RENATE SCHATTEL

die renommierte jüdische Theologin Ruth Lapide in die Martinskirche eingeladen. Die Witwe des 1997 verstorbenen Schriftstellers und Theologen Pinchas Lapide ist eine der wenigen jüdischen Alt- und Neutestamentlerinnen und lehrt an der evangelischen Fachhochschule in Nürnberg.

Dass die Religionswissenschaftlerin mit akribischer Sorgfalt die hebräischen Texte der Bibel neu übersetzt und zu überraschenden Neuinterpretationen kommt, ließ sie in ihrem Vortrag behutsam durchschimmern, dass die Bibel aber ihr liebstes und wertvollstes Buch ist, machte sie in ihrem leidenschaftlichen, mit Humor gespicktem Plädoyer unmissverständlich deutlich. "Ohne das Alte Testament würde es das Neue Testament nicht geben", zeigte sie die Wurzeln des jüdischen und christlichen Glaubens auf. "Das ganze Umfeld des Nazareners Jesus waren Juden und Jüdinnen", sagte sie, "auch die Evangelien beginnen mit dem Satz: Und es begab sich im Lande der Juden".

Das Alte Testament (AT) sei das Fundament der Juden und der Christen, in dem viele kleine bildhafte Geschichten stünden, aus denen man etwas lernen könne, denn trotz ihres Alters von fast 3000 Jahren besäßen sie eine zeitlose Aktualität. "Leider kam es durch Fehlübersetzungen zu Missverständnissen und manches wurde verzerrt", bedauerte Ruth Lapide. So lauteten seit Martin Luthers Übersetzung die ersten Worte der Bibel: "Am Anfang" und implizierten damit einen ganz konkreten Beginn oder auch den Urknall. Im Originaltext heiße es aber "Im Anfang" und weise damit auf eine ganz andere zeitliche Auffassung hin.

Das AT sei voll von der akuten, schmerzlichen und brennenden Naherwartung des Messias wegen der grausamen Besatzung der Römer, stellte Ruth Lapide fest. Das AT sei aber auch voll von Geboten und Verboten, insgesamt wurden 613 gezählt. Das seien aber Anweisungen für ein landwirtschaftlich orientiertes Volk gewesen mit sozialen und wirtschaftlichen Komponenten, wie Witwen versorgt gehörten, wie das Getreide geerntet werde oder wie es stehe mit dem Zehnten. Für die Menschen heute blieben jedoch die Zehn Gebote übrig, diese seien das Herzstück der Bibel.

In den 24 Büchern des AT habe jeder Name eine Bedeutung, sei Inhalt und Ziel, wie zum Beispiel "Eva" sowohl Sprecherin, als auch Sinngeberin und Gebärerin bedeute und "Adam" Erdling, der aus der Erde kommt. Am bedeutendsten sei natürlich der Name Gottes: "Elohim", der als plurale tantum Vieles bedeute, aber in keinem Fall nur männlich oder weiblich sei. Die Frage, ob Gott eine Frau sei, erübrige sich allein durch die Namengebung. Sämtliche 70 Völker der Antike erschienen im AT, eine ganze Völkertafel, und jeder einzelne wurde eingeladen, Kind Gottes zu sein.

Das AT sei ein Erzählbuch, dem nichts Menschliches fremd geblieben ist, nichts werde beschönigt und nichts zensuriert, es berichte von Bruderzwisten und Helden, die Schwächen haben und dennoch ein grandioses Gottvertrauen ausstrahlten. Kain, der zweifelsohne seinen Bruder Abel erschlagen hatte, habe aber, nicht wie Luther übersetzte, ein Schuldzeichen, sondern ein Bewährungszeichen auf die Stirn geprägt bekommen. Bewährung und Versöhnung seien denn auch, so Ruth Lapide, die Merkmale der Bruderzwiste, nicht die bisher in den Mittelpunkt gestellten Streitigkeiten. "Das AT zeigt, dass Versöhnung möglich ist."

Die Theologin räumte auch auf mit dem elitären Auserwählungsgedanken, der dem Volk Israel angedichtet worden ist. "Die so genannte Auserwählung ist ein Bündnis und dies ist eine schwere Bürde, ein Auftrag, die Zehn Gebote, die das Volk als Erste erkannt hatten, bekannt zu machen." Das AT mache mit seinen Helden auch Mut, sich einzumischen, wie Abraham sich eingemischt hat. "Die Bibel ist das Buch des Lebens, in der es Hoffnung und Verzweiflung, alle Schattierungen der Liebe, aber auch den abgründigen Hass gibt. König und Hure, Prophet und Soldat, Mutter und Kriegsherr bevölkern die Seiten des Buches", ist die überzeugte jüdische Theologin begeistert.

In der anschließenden Fragerunde ließ sich die Religionswissenschaftlerin, die mit sechs orientalischen Sprachen Vergleiche und Übersetzungsproben macht und schon jeden Buchstaben des AT im Visier hatte, erwärmen, doch noch einige eklatante Übersetzungsfehler nachzuweisen. So sei der Psalmenspruch: "Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf" falsch, es heiße schlicht: "Den Seinen gibt der Herr Schlaf" und der wirke sich bekanntlich sehr positiv auf den Menschen aus. Das Rote Meer sei nicht rot sondern wunderbar blau und heiße auf hebräisch "Schilfmeer". Schilf werde aber in Deutschland auch Reet oder Ried genannt und daraus sei lautmalerisch Rot geworden.

Auch das Kamel, das durch ein Nadelöhr steige jedenfalls eher, als dass ein Reicher in den Himmel kommt , gebe es nicht. Das Kamel bedeute hebräisch Schiffstau und mit dem Seemannsgarn in der Nadel könne man die Fischernetze flicken, was im alten Israel Alltag war. Durch diese Neuübersetzung wandelt sich aber die Aussage des Jesuswortes zum Thema Reichtum erheblich. Dies wird auch deutlich beim Jesuswort: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", das eigentlich, so Ruth Lapide, heißt: "Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist". Gemeint sind die Geldmünzen mit der Prägung des Kaiserporträts als materielles Sinnbild, und Gott, was Gott ist, nämlich hingebende Liebe.