Kirchheim

Das Gesicht der Energiewende

Tobias Borde aus Beuren ist gerne in schwindelerregenden Höhen aktiv

Ob Bergwacht oder Windpark-Bau – Tobias Borde schätzt die Herausforderung in unterschiedlichen Metiers.

Der Ausstieg aus der Atomenergie lässt Windparks in ganz Deutschland entstehen. Tobias Borde ist an deren Realisierung maßgeblic
Der Ausstieg aus der Atomenergie lässt Windparks in ganz Deutschland entstehen. Tobias Borde ist an deren Realisierung maßgeblich beteiligt.Fotos: Carsten Riedl (oben) und EnBW

Beuren. „Meine kleine Visitenkarte hängt da unten“, sagt Tobias Borde mit einem entwaffnenden Lachen. Er sitzt im neunten Stock der EnBW-Zentrale im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof. Der Glasbau gibt den Blick frei auf die gesamte Albkette – und den großzügigen Hof zum Entrée des Gebäudes. Dort hängt als Willkommensgruß ein überdimensionales Plakat, auf dem ein Mann in der Morgensonne vor einer Pferdekoppel steht und im Hintergrund Windräder stehen. Es ist Tobias Borde aus Beuren, Projektleiter Windenergie.

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Im Bundesgebiet ist er unterwegs und baut Windkraftanlagen. Sein Job beginnt, wenn die bürokratischen Planungen abgeschlossen sind. Dazu zählen beispielsweise: den geeigneten, windreichen Standort finden und kaufen, mit Kommunen und Behörden verhandeln, Gutachten über Schall und Schattenwurf in Auftrag geben und das Verfahren zur Genehmigungsreife bringen. Ist das alles erledigt, kann Tobias Borde loslegen.

An seinem Arbeitsplatz hängt ein großer Plan mit bunten Kreisen. „Das ist eine kleine Anlage im Saarland“, erklärt er. Darauf sind drei zu erstellende Windräder zu sehen. Nun heißt es, im Vorfeld alle Eventualitäten bestmöglich auf sichere Beine zu stellen. Da muss beispielsweise ein Kreisverkehr im Radius so verändert werden, dass die langen Rotorblätter auf dem Transportweg am Bestimmungsort unverkeilt ankommen. Weiter müssen mitunter Feldwege verbreitert beziehungsweise für die schweren Maschinen stabilisiert – oder komplett neu zum Windkraftpark gebaut werden. Auch Kabel müssen verlegt werden, denn schließlich soll ja der durch Luftbewegung entstandene Strom irgendwann beim Verbraucher ankommen.

Ist das alles so weit in trockenen Tüchern, wird ausgeschrieben und dann die Planung in die Tat umgesetzt. Jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, wo Tobias Borde das Glashaus verlassen kann und vor Ort nach dem Rechten schaut. Steht die logistische Vorarbeit, sind die Tiefbauer gefragt. Sie buddeln die Erde aus und erstellen das stabile Fundament. Ist das mit Eisengittern und Beton kreisrund fertiggestellt, sind die „Überirdischen“ dran. Ring für Ring wächst der Turm nach oben. Dafür ist ein richtig großer Kran vonnöten, der eben auch den entsprechend dimensionierten Parkplatz braucht. Ist die Höhe erreicht, wird die Gondel aufgesetzt und dann die drei Rotorblätter befestigt, die den Wind einfangen. Drehen sich die Rotorblätter, bringen sie einen Vorgang ähnlich des Fahrraddynamos in Gang – und somit nicht nur die Wohnzimmerlampe zum Leuchten, sondern auch Industrieanlagen zum Arbeiten.

Ein Windrad allein schafft das nicht, weshalb Windparks entstehen. Einer davon ist die Baltic 1, der erste deutsche kommerzielle Offshore-Windpark in der Ostsee. Zwei Jahre hat Tobias Borde dabei mitgearbeitet und seinen Wohnsitz nach Hamburg verlegt. „Ich habe den geilsten Job der Welt“, sagt er ohne jede Koketterie und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Deshalb war es für ihn auch keine Frage, sich für die Imagekampagne zu bewerben und sein Gesicht für seine Firma „hinzuhalten“. Das Foto-Shooting war bei Hannover und Eiseskälte. Um 6 Uhr war Start am Hotel. Sein privates making-of zeigt eine Pferdeherde im Morgennebel, die über eine raureifbedeckte Weide galoppiert. Als er bei Sonnenaufgang für den Fotografen posiert, hat sich die Szenerie beruhigt, die Tiere stehen still, ebenso wie Tobias Borde. Dann ging‘s 140 Meter rauf auf die Turbine – wahlweise mit Aufzug oder Treppe. „Das ist schon imposant da oben“, sagt der Beurener, der solche Ausblicke selbst als Projektleiter nicht alle Tage erlebt.

Höhenerlebnisse hat Tobias Borde trotzdem regelmäßig und zwar auf der Schwäbischen Alb. Der begeisterte Kletterer ist jedoch nicht nur zum Spaß an den Felsen aktiv, sondern auch bei der Bergwacht Lenninger Tal. Seit diesem Jahr ist er stellvertretender Bereitschaftsleiter. Einmal in der Woche findet der Gruppenabend statt, in dessen Mittelpunkt nicht nur das Treffen Gleichgesinnter steht. Hier geht es vor allem um Themen wie Einsatztaktik, die richtige Handhabung von Karabinern oder um Erste Hilfe in schwierigem Gelände.

Die Entscheidung, offen zu seinem Arbeitgeber zu stehen, hat er keine Sekunde bereut. Im Gegenteil: „Seit elf Jahren bin ich im Konzern. Viele ältere Kollegen, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe, haben sich bei mir gemeldet“, freut er sich über die Resonanz – ebenso darüber, dass seine zwei kleinen Kinder „Papa“ gerufen haben, als sie ihn im „beiläufig“ daliegenden Prospekt gesehen haben. „Die Energiewelt hat sich durch den Einsatz erneuerbarer Energien geändert“, sagt Tobias Borde und ist über diese Entwicklung alles andere als unglücklich. Eigenheimbesitzer werden seiner Ansicht nach in naher Zukunft von Konsumenten zu Produzenten. „Die Stromrichtungen werden sich ändern. Statt zentral wird dezentral Energie erzeugt“, ist er überzeugt.

Windkraft Ostsee Energie Windrad
Windkraft Ostsee Energie Windrad

Zu Lande und zu WasserInterview

Wenn ein Windpark entsteht, sind vielfältige Aufgaben zu bewältigen. Iris Häfner sprach mit dem Projektleiter Windenergie.

Was macht den Reiz Ihrer Arbeit aus?

TOBIAS BORDE: Das ist derzeit der spannendste Job in Deutschland – für mich, kein Zweifel ein echter Traumjob. Dabei zu sein, wie die Energiewende vorankommt und wir die Stromerzeugung immer grüner machen. Es gibt viele Dinge, die zu koordinieren sind. Abwechselnd am Schreibtisch und vor Ort, zum Beispiel die Verhandlungen mit dem Windturbinenhersteller, die Planung der Baustellen, der Kabeltrasse und natürlich die Bauarbeiten selbst, vor allem aber der Projektterminplan mit all den kleinen unvorhergesehenen Dinge. Denn jedes Projekt ist anders: die Anzahl der Turbinen im Windpark, deren Leistung, die Umgebung, der Baugrund, die Zufahrt, die Länge der Kabeltrasse, die Lieferanten. Die tatsächliche Bauzeit ist dann am Ende das kleinste Zeitfenster des ganzen Projektes. In dieser Phase zeigt sich, ob an wirklich alles gedacht wurde und ob die ganzen Gewerke, die wir im Team zusammen geplant und gebaut haben, auch ineinandergegriffen haben. Wenn wir das alles geschafft haben, dann geht der Windpark zum geplanten Zeitpunkt auch in Betrieb.

Was ist das Herzstück eines Windrads und was passiert da?

BORDE: Dies ist ganz klar das Maschinenhaus oben auf dem Turm. An diesem ist der Rotor befestigt. Dessen Drehbewegung, angetrieben durch den Wind, wandelt über einen Generator – wie bei einem „riesigen Fahrraddynamo“ – den Wind in elektrische Energie um. Über dicke Stromkabel im Inneren des Turmes wird die Energie nach unten gebracht und in das Stromnetz eingespeist.

Wie hoch ist Ihr größtes Windrad, deren Rotorblätter und die Leistung?

BORDE: Aktuell sind dies im Betrieb Windräder mit 141 Meter Nabenhöhe – also bis zu der Stelle, an der das Maschinenhaus auf dem Turm befestigt ist und der Rotor dreht – und 117 Meter Rotordurchmesser mit 2,4  MW Leistung. Die Gesamthöhe beträgt bei diesem Windrad 200 Meter. Derzeit haben wir Anlagen im Genehmigungsverfahren mit 164 Meter Nabenhöhe, 131 Meter Rotordurchmesser und 3,3 MW Leistung. Deren Gesamthöhe beträgt rund 230 Meter.

Was war die Herausforderung beziehungsweise das spannendste Erlebnis für Sie beim Bau des Offshore Windparks EnBW Baltic 1?

BORDE: Für alle war das Neuland. Ein süddeutscher Energieversorger baut einen Windpark. Und das auch noch auf dem Meer. Ich war zuständig für die Einhaltung der Genehmigungsauflagen seitens der Umweltbehörden. Klingt erstmal langweilig. Klingt erstmal nur nach Papierkram. Bei genauerem Hinschauen gibt dies aber einen Einblick in das gesamte Projekt, auch vor Ort. Dabei sind Dinge wie Umweltmonitoring, Montageanweisungen, Notfallpläne, Baufeldkennzeichnungen – was auf See mit Bojen realisiert wird –, Kontrollen der Kampfmittelfreiheit, Abfallkonzepte und Gutachten zu Schallminderungsmaßnahmen zu beachten. Auf dem Papier kann man ja viel schreiben, wir müssen es aber auch machen und vor allem auch nachweisen. Also fuhren wir mit der Umweltbehörde vor Ort, um zu zeigen, dass wir alles wie beschrieben gemacht haben. Wir sind dabei übrigens mit dem Gewässerüberwachungs- und Ölfangschiff der Behörde gefahren. Es gab keinerlei Beanstandungen, sondern nur Lob und Bestätigung. Dies war der Lohn für zwei Jahre Arbeit und macht stolz.

Was ärgert sie am meisten bei der Diskussion um die geeigneten Standorte für Windräder?

BORDE: Wie die Umfragen seit Jahren zeigen, finden die Energiewende und der damit verbundene Ausbau der erneuerbaren Energien breiten Zuspruch. Diese macht die Stromerzeugung grüner, aber eben auch dezentraler. Selbstverständlich müssen mögliche Bedenken im Rahmen der Projektentwicklung ernst genommen und Fragen geklärt werden. Meiner Meinung nach ist die Energiewende auch eine Gemeinschaftsaufgabe, zu der jeder etwas beitragen kann und sollte.