Lokale Kultur

Das große Geheimnis der ersten Zigarette

KIRCHHEIM Die Kinder warnen das Kasperle lautstark vor dem bösen Räuber. Sie haben ihren Spaß dabei und merken gar nicht, dass eigentlich sie diejenigen sind, die vom Kasperle vor sämtlichen bösen Räubern

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ANDREAS VOLZ

auf ihrem weiteren Lebensweg gewarnt werden. So ähnlich hat das auch Friedrich Schiller vor mehr als 220 Jahren in seinen Betrachtungen über "Die Schaubühne als moralische Anstalt" gesehen: "Mit diesen Lasterhaften, diesen Thoren müssen wir leben. Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimniß verrathen, sie ausfindig und unschädlich zu machen."

Irgendwo zwischen dem Kasperle-Theater und den hehren Ansprüchen des Klassikers fügt sich Heinz Diedenhofen mit seinem "Ein-Mann-Animations-Theater Hein Knack" in die Reihe derer ein, die ihr Publikum von der Bühne aus schon immer auf die Gefahren im Alltagsleben hingewiesen haben oder mit Schillers Worten "die den Menschen mit dem Menschen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten, nach welchem er handelt". Menschliche Schwächen sind es, die Diedenhofen auf der Bühne darstellt und mit denen er seinem Publikum überwiegend Kindern oder Jugendlichen einen Spiegel vorhält.

Zu diesen Schwächen gehören moderne Phänomene wie das Handy, "die Schuldenfalle Nummer eins für junge Menschen", aber auch Laster, die bereits der feinen Weimarer Gesellschaft zu Zeiten Schillers und Goethes bekannt waren: Alkohol und Nikotin. In Kirchheim kämpfte Heinz Diedenhofen jetzt in einem wahren Bühnenmarathon ebenso überzeugend wie unterhaltsam gegen den Missbrauch dieser Suchtmittel: am Donnerstag mit drei Aufführungen über den alkoholseligen "Blaumann" (wir berichteten) und gestern mit zwei weiteren Aufführungen des Ein-Mann-Theaterstücks "Abgebrannt".

Der Titel bezieht sich auf den notorischen Geldmangel der Hauptfigur Tim, aber auch auf die Tatsache, dass dessen bislang letzte Zigarette schon vor gut einer Woche abgebrannt ist. Seither hat er nicht mehr geraucht, wegen einer Wette mit Dennis. Für "1wrf" (eine Woche rauchfrei) gewinnt er nämlich 30 Euro in Form einer "tk" (Telefonkarte), wie er seiner zukünftigen Freundin Inka per SMS mitteilt. Inka ist ein weiterer möglicher "Gewinn" für den Verzicht auf blauen Dunst. "Fast hätten wir uns mal geküsst", erzählt Tim auf der Bühne in der Kirchheimer Bastion, "wir waren uns schon ganz nahe gekommen aber dann hat sie gesagt: ,Du stinkst.'"

Zu schonungsloser Wahrheit ist auch Tim selbst fähig. Nach einer Woche ohne Zigaretten kommt er auf der Bühne an den Punkt, wo Schiller zufolge "das menschliche Herz auf den Foltern der Leidenschaft seine leisesten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt". Und so verrät er das große Geheimnis: "Die erste Zigarette hat ja gar nicht geschmeckt." Erst die fünfte sei dann nicht mehr ganz so ekelhaft gewesen, und nach der zehnten habe er sich daran gewöhnt. Zum "Geschmack" der Zigaretten fragte "Tim" Diedenhofen nur in die Runde: "Wie schmeckt euch die Luft? Und wie schmeckt euch verdreckte Luft?" Ein anderes Geheimnis, das der Schauspieler erst beim Bühnengespräch nach der Aufführung lüftete, bezieht sich auf die Angst vor dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit: Als er mit dem Rauchen aufgehört hat, hat er dadurch keinen einzigen Freund verloren.

Warum wird überhaupt geraucht? Tim erklärt es mit dem Gruppenzwang und mit einem "Saugbedürfnis wie bei Babys". Deshalb verwendet Heinz Diedenhofen als eines seiner wenigen Requisiten auch eine Zigarette, die auf einem Schnuller steckt womit er ganz im Sinne Schillers die "Thoren mit heilsamem Spott beschämt". Zu diesem Zweck hat Diedenhofen aber noch ganz andere Sprüche auf Lager. Weil Nikotin die Blutgefäße verengt, sagt er zu den anwesenden Jungs: "Wer von euch jetzt schon raucht und nicht mehr davon loskommt, hat gute Chancen, bis in 20 Jahren ein totaler Versager im Bett zu werden." Solche Aussagen sucht man(n) bei Schiller und beim Kasperle wahrscheinlich vergebens.