Lokale Kultur

Das Herrenhäusle erwacht zu neuem Leben

Premiere: Die „Theaterspinnerei“ führt das Freilufttheater „Vom Saukerle zum Prachtkerle“ im Talwald auf

Beim Freilufttheater der ¿Theaterspinnerei¿ gab es für die zahlreichen Zuschauer viel zu erleben.Foto: Deniz Calagan
Beim Freilufttheater der ¿Theaterspinnerei¿ gab es für die zahlreichen Zuschauer viel zu erleben.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Die Stadt Kirchheim pflegt zu Recht das Andenken an „ihre“ Franziska von Hohenheim. Eine Stele wurde ihr am Anfang des Jahres zu ihrem 200. Todestag vor dem Schloss aufgestellt. Das Schloss war ab 1794 ihr Witwensitz nach dem Tod des Herzogs Carl Eugen. Nun ist Franziska wieder lebendig geworden. Man kann sie erleben, wenn man sich zum Wald bei den Bürgerseen begibt. Dort steht ein kleines Herrenhäuschen, das – so haben neue Forschungen ergeben – Herzog Carl Eugen bauen ließ.

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In dieses Herrenhäusle ist wieder Leben eingekehrt. Ihre Durchlaucht, Herzog Carl Eugen, gibt sich die Ehre, akkompagniert durch den Oberhofmeister von Leutrum nebst dessen Gemahlin Franziska und einem Diener. Die Herrschaften sind auf der Jagd, die bevorzugte Beschäftigung des Adels. Erlegt werden soll eine „Sau“. Sie wird dem Herzog vor die Flinte manipuliert. Doch die eigentliche Jagdtrophäe ist Franziska, die den Herzog, sonst Frauenverbraucher und unermüdlicher Kindererzeuger, in wundersamer Weise verzaubert. Da die Zuneigung gegenseitig ist, hat von Leutrum keine Chance und zieht mit Trostgeld und dem Geweih eines gehörnten Ehemannes ab.

Das Herrenhäusle wurde belebt durch die „Theaterspinnerei“ aus Frickenhausen. Sie lässt historische Gestalten wieder aufleben, so erst geschehen in Weilheim mit den Zähringern. Stephan Hänlein ist der Textautor vom Dienst. Seine Version des historischen Geschehens wird an verschiedenen Spielorten vorgeführt, zu denen sich das Publikum hinbewegt.

Die erste Station befindet sich gleich neben der Fischerhütte, in der das Publikum einen Begrüßungstrunk zu sich nimmt und in freudige Erwartung versetzt wird. Das Jagdmotiv wird gleich hörbar durch die Töne der Jagdhorngruppe der Jägervereinigung Kirchheims, die von Station zu Station mitwandert und ihre akustischen Wegmarken setzt. Dann liest Franziska, die eifrige Brief- und Tagebuchschreiberin, einen Brief vor, der die handelnden Personen und die Situation, die Jagd, vorstellt.

Dann heißt es für das Publikum: zum ersten Mal die Beine bewegen bis zum Herrenhäusle, das mit mobilen Scheinwerfern angestrahlt wird. Von Leutrum rät den Untertanen, untertänig zu sein und verweist auf den Hohenasperg. Nun tritt der Herzog auf. Damit er mit seinem Ballonbauch sein Gleichgewicht halten kann, muss er nach hinten hängen. Als erstes mustert er das nach Geschlechtern sortierte Publikum. Zuerst ausführlich die Frauen, dann summarisch die Männer. „Agréable“ findet er seinen Hofstaat. Seine Majestät streut in sein Schwäbisch immer wieder einen dem Hof angemessenen französischen Sprachbrocken ein.

Dieser Hofstaat darf ihn weiterhin auf der Jagd nach der „Sau“ begleiten. Doch er hat auch höfische Dienste zu leisten. Bei einer „Maitressenschau“ hüpfen Frauen in einem Sandkasten dem Herzog etwas vor. Und als ihm das Gehen beschwerlich wird, sind starke Männer gefordert, welche die Sänfte mit dem Herzog und schließlich zusammen mit der Nebensitzerin Franziska tragen. Dies geschieht alles unter Gelächter, gibt aber doch eine Ahnung von der Erniedrigung der Unterschicht in Zeiten des Absolutismus.

Schließlich geht‘s zurück zum Finale am Herrenhäusle. Der Blick geht aber zuerst hinter das Haus auf eine riesige Projektionsleinwand. Die „Theaterspinnerei“ muss auch im Wald ihrem Ruf als multimediale Unternehmung gerecht werden. Es erscheint der Geist des Bürgersees und rügt den Herzog, gegen freiheitliche Geister wie Hölderlin, Schiller und vor allem Schubart unmenschlich zu sein. Währenddessen wird der Herzog von seiner Hartleibigkeit erlöst. Er befreit seine Bauchesfülle von seinem Inhalt. Danach ist er fähig, eine – historisch belegte – Bußpredigt vor seinen Untertanen zu halten. Aus dem Saukerle ist jetzt ein „Prachtkerle“ geworden. Wirklich?

Der „Theaterspinnerei“ kann man zu ihrer neuesten Produktion gratulieren. Durch den historischen Hintergrund und die vorgegebenen handfesten „Kulissen“ wurde eine allzu abundante „Spinnerei“, wie sie sich bei anderen Produktionen manchmal einstellten, vermieden. Autor Stephan Hänlein hat sprachlich die richtigen Töne gefunden. Inhaltlich musste der Schwerpunkt auf das Anbändeln der Beziehung Herzog-Franziska liegen. Die historisch belegte, allmählich sich entwickelnde „sittigende“ Wirkung Franziskas auf den Herzog ist für eine dramatische Verwurstung nicht geeignet. So wird die reinigende Wirkung Franziskas auf den Ratschlag reduziert, der König möge sich bewegen. Der Ratschlag zeigt Wirkung in einem befreienden, laut tönenden Verdauungsakt. Mit der Befreiung von der Hartleibigkeit wird der Herzog im Talwald von seiner Herzlosigkeit befreit. Dass er trotz Franziska ein Kind seiner Zeit bleibt, darauf weist der Seegeist hin – ganz zu schweigen davon, dass er massenweise Soldaten ins Ausland verkauft und sie somit meist in den Tod geschickt hat.

Jens Nüßle ist nicht nur Chef der „Theaterspinnerei“, sondern als Herzog natürlich Chef des Geschehens. Mathias Jentsch bekommt von Autor Hänlein als buckliger von Leutrum eine tragende Rolle zugebilligt. Unauffällig, aber präsent: die Gestalt aus der Unterschicht, die Marseillaise pfeifend, von Marius Lang. Regisseur Nüßle legt mit Recht Wert auf Verständlichkeit im weiten Raum des Waldes. Nicht filigranes Spiel, sondern Deklamieren ist bei den Männern gefordert. Für die leiseren, innigeren Töne ist Marilena Pinetti mit ihrer Franziska zuständig.

Das Publikum fühlte sich wohl. Es war nicht lange auf einem Sitz eingezwängt, machte bereitwillig die interaktiven Aktionen mit und freute sich über die Schauspieler und ihre historischen Kostüme. Es genoss die „Nachtwanderung“ durch den Wald, der sich durch die Theaterunternehmung in einen lebendigen Ort der Landesgeschichte verwandelte. Wer wollte, konnte den Abend in angenehmer Gesellschaft mit einem Teller Wildgulasch ausklingen lassen. Um das Herrenhäusle und den Wald als Kulisse im Rahmen des Naturschutzes „herzurichten“, waren ein guter Wille, kräftezehrende Einsätze und finanzielle Anstrengungen des Kreisforstamtes nötig.

Für den Theaterspaziergang gibt es noch Restkarten für drei Zusatztermine am 28. August, 4. September und 18. September. Sie sind unter 0 70 22/43 56 00 erhältlich.