Lokale Kultur

Das Hohe Lied von Standhaftigkeit und Wahrheitsliebe

KIRCHHEIM Mit seiner Bühnenfassung des Klassikers "Iphigenie auf Tauris" (1787) wagt Regisseur Alexander Nerlich den Versuch, so manchen wohlgedrechselten Blankvers des Dichterfürsten durch zeitgemäße Inszenierung in einen aktuelleren

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ERNST KEMMNER

Kontext zu stellen. Das Bühnenbild von Gisela Goerttler: spartanisch mit einer Andeutung von schwarzen Säulen und Architraven im Hintergrund, einem mediterran wirkenden Baum und einem Kunstrasengeviert für die agierenden Figuren im Vordergrund.

Auf schwarzem Grund ein Kreidegraffito die Darstellung eines menschlichen Umrisses mit einer Zielscheibe in der Herzgegend, die von einer Vielzahl von Schüssen durchbohrt ist. Ein dezenter Hinweis auf das Schicksal, das Fremden blüht, die an die Inselgestade des Skythenfürsten und Barbaren Thoas (Atef Vogel) verschlagen werden. Hier waltet Iphigenie (Anne Schäfer) im Heiligtum der Diana als Priesterin.

Sie, die selbst zum Brandopfer werden sollte, um die Götter gnädig zu stimmen, hat aus Überzeugung die Opferung von Menschen gegen den Willen von Thoas und seinem Schergen und Erfüllungsgehilfen Arkas (Hubert Harzer) eingestellt ("O enthalte vom Blut meine Hände. Nimmer bringt es Segen und Ruhe").

Iphigenie leidet unter starkem Trennungsschmerz von ihrer Familie und als Thoas ihr seine Hand anbietet, widersteht sie seinem aggressiven Werben und beruft sich auf ihr Priesterinnenamt: ein erster Beweis ihres unbeugsamen Willens und ihrer Standhaftigkeit.

Zutiefst gekränkt will Thoas die Brandopfer wieder einführen. Unterdessen sind Thoas' Häschern zwei Fremdlinge in die Hände gefallen, die gefesselt und mit verbundenen Augen hereingeführt werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um Iphigenies Bruder Orest (Urs Rechn) und dessen Busenfreund Pylades (Danny Exnar) handelt. Orest, durch den Mord an seiner Mutter Klytaimnestra tief in Schuld verstrickt und todessehnsüchtig, soll die "Schwester, die an Tauris Ufer im Heiligtume wider Willen lebe", zurückbringen, um sich von Schuld zu befreien und Apollos Gnade zu erwirken.

Irrtümlich glaubt er, damit sei das Bildnis der Diana, Apollos Schwester, gemeint. Nachdem sich die Geschwister einander zu erkennen gegeben haben, zeichnet sich für Iphigenie ein mehrfacher Konflikt ab. Zum einen muss sie verhindern, dass ihr eigen Fleisch und Blut geopfert wird, wie es Arkas und Thoas fordern. Zum andern darf sie nach ihrer Grundüberzeugung nicht Beihilfe zum Bilderraub leisten und dadurch einen Vertrauensbruch an Thoas, den sie als "zweiten Vater" liebt, begehen.

Aus diesem Spagat und den damit verbundenen Rededuellen mit Orest und Pylades einerseits, mit Arkas und Thoas andrerseits, bezieht Nerlichs Aufführung die größte dramaturgische Kraft. In diesem doppelten Konflikt entfaltet Anne Schäfer als Iphigenie die ganze Bandbreite ihres schauspielerischen Potenzials: bei Bedarf zurückgenommen, fast flüsternd, aber immer präzise artikulierend, wirksame Pausen einstreuend, dann bei Thoas' verbalen und körperlichen Attacken aufbrausend, fast hysterisch schrill.

Glaubhaft ihr Bekenntnis zu unbedingter Wahrhaftigkeit: "O weh der Lüge! Sie befreiet nicht wie jedes andre, wahrgesprochne Wort die Brust". Sehr überzeugend auch, wie ausdrucksdifferenziert Anne Schäfer den emanzipatorischen Aspekt ihrer Rolle gestaltet: "... allein dem harten Worte, dem rauen Ausspruch eines Mannes mich zu fügen, lernt' ich weder hier noch dort; ich habe nichts als Worte, und es ziemt dem edlen Mann, der Frauen Wort zu achten".

Daneben ihr stimmgewaltiger Antipode mit großer Begabung für den Nahkampf, Atef Vogel: für die Figur des Thoas fast zu jugendlich, da er ja immerhin Vater eines in der Schlacht gefallenen Sohnes sein soll. Mit muskulösem Oberkörper und Armtattoo, mit weit ausgeschnittenem ärmellosen Top, gekonnt mit dem Messer jonglierend, macht er eher den Eindruck eines Rockers als eines Fürsten.

Von Nerlich ist diese modernistische Spielart des "Barbaren" aber durchaus gewollt. Neben den beiden Protagonisten wirkten Rechn und Exnar als Pylades und Orest etwas konturenlos und undifferenziert, was auch der manchmal zu leisen und undeutlichen Sprechweise zuzuschreiben war.

Silvana Ciafardini trägt mit der Wahl der Kostüme zur Aktualisierung des klassischen Stoffs bei. Es überwiegen die Kleidungsstücke im Freizeitlook, nur in Ausübung des Priesterinnenamtes trägt Iphigenie eine knöchellange, eng anliegend weiße Robe.

Bei den Requisiten bringen anachronistisch verfremdende Einsprengsel den gewünschten Effekt einer Transposition in die Jetztzeit: Dosengetränk, Plastikkanister, Leiter... Schwerter werden durch Revolver ersetzt. Als Thoas am Schluss des fünften Aktes die erlösenden und versöhnlichen Worte: "Lebt wohl!" spricht und freien Abzug gewährt, kommt es in Nerlichs Fassung zu einem überraschenden Schluss. Anders als bei Goethe kehrt Iphigenie zu Thoas zurück und fällt ihm um den Hals.

Was der Skythenfürst nicht erzwingen konnte, vollzieht Iphigenie nun in Freiheit und eigener Entscheidung. Für die mutige Inszenierung und die ausdrucksstarke Vorstellung vor allem der von Anne Schäfer gab es am Ende viel Applaus.