Kirchheim

Das Kreuz mit dem Kreuz

Politik Kreuze in die Amtsstuben: Der Vorstoß des bayrischen Ministerpräsidenten Söder weckt Kritik. Was denken lokale Abgeordnete und Kirchenleute? Von Peter Dietrich

In der Kirche, hier St. Ulrich in Kirchheim, stört sich niemand am Anblick des Gekreuzigten. Die Idee, auch Amtsstuben damit zu
In der Kirche, hier St. Ulrich in Kirchheim, stört sich niemand am Anblick des Gekreuzigten. Die Idee, auch Amtsstuben damit zu schmücken, passt nicht jedem. Foto: Peter Dietrich

Der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann meint: „Das Kreuz als Symbol unserer christlich-abendländischen Kultur gehört zu Deutschland. Es steht für ein klares Wertebekenntnis, auf dem auch unsere Demokratie beruht.“ Daher begrüßt Karl Zimmermann den Schritt von Markus Söder. So etwas sei „mittlerweile mutig“. Es gebe ihm persönlich schon zu denken, „wenn die gleichen Menschen, die sagen ‚der Islam gehört zu Deutschland‘, nun Bedenken äußern, wenn in unseren öffentlichen Gebäuden christliche Symbole hängen sollen“.

Anzeige

„Natürlich finde ich es gut, wenn man sich um Kreuze bemüht“, sagt der Kirchheimer katholische Pfarrer Franz Keil. „Ich erinnere mich da ganz schnell an den Gerichtsbeschluss, der in Bayern Kreuze aus den Schulen verbannte. Neutralität in Ehren, aber auch Diskussionen, ob in Krankenhauskapellen ein Kreuz hängen darf im sogenannten christlichen Abendland, finde ich recht albern.“ Für Franz Keil ist „das Kreuz ein religiöses Symbol und kein Symbol für Bayern und kein Symbol für bayrische Identität“.

Franz Keil findet, „dass der Herr Söder so kurz vor der Landtagswahl sehr populistisch vorgeht“ und sagt weiter: „Ich werde den Verdacht nicht los, dass das Kreuz bei ihm folkloristisch missbraucht wird, so nach dem Grundsatz: Weißbier, Kruzifix und Blasmusik. Es wäre für eine C-Partei glaubwürdiger, wenn Herr Söder zuerst einmal Menschen in Not sehen würde. Er müsste wohl viel gastfreundlicher mit Flüchtlingen umgehen.“ Wer Kreuze aufhänge, müsse sich an dem messen lassen, was Jesus gesagt habe, betont Franz Keil - und danach handeln. „Taten sind für mich glaubwürdiger als eine vielleicht medienwirksame Symbolpolitik. Frau Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik, die so sehr in der Kritik der Schwesterpartei CSU stand, ist da für mich die glaubwürdigere Politikerin.“

Auch der grüne Landtagsabgeordnete Andreas Schwarz traut Markus Söder nicht: „Das Kreuz ist keine heimelige Wanddeko, es ist das wichtigste christliche Zeichen. Dieses Symbol wird durch plumpes Wahlkampfgetöse von Markus Söder missbraucht. Ich bin froh, dass sich auch die Kirchen klar positionieren. So hat der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm gesagt, dass niemand ein religiöses Symbol für politische Zwecke missbrauchen dürfe.“ Außerdem verweist Andreas Schwarz auf das Grundgesetz: „Es geht aus gutem Grund von einer Trennung von Kirche und Staat aus. Religionsfreiheit hat bei uns Verfassungsrang.“

„Herr Söder sollte nicht mit Kruzifixen ablenken, sondern die wahren Probleme lösen“, fordert der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Kenner. Denn solche gebe es genug: Menschen, die verzweifelt eine Wohnung suchen, Mängel in den Schulen und in der Pflege, Renten die nicht zum Leben reichen. „Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen Themen die CSU glaubt, Stimmen gewinnen zu können. Haben die Menschen in Bayern und dem Rest der Republik keine anderen Sorgen?“ Andreas Kenner unterscheidet beim Kreuz nach dem Standort: „Das Kruzifix aus Holz hat vor allem in katholischen Gegenden eine jahrhundertealte Tradition. Es hängt in vielen Wohnstuben, in Gaststätten oder steht als Wegkreuz mitten in der Landschaft. Das ist ein Teil unserer Geschichte und Kultur.“ In staatlichen Gebäuden steht für Andreas Kenner aber die „unverhandelbare Neutralität des Staates“ im Vordergrund. „In Frankreich hängt in Behörden ein Foto des aktuellen Präsidenten, in England das der Queen. Das passt.“

„Ich bin für religiöse Symbole, und Religion muss auch ihren Platz im öffentlichen Leben haben“, sagt die evangelische Dekanin Renate Kath. Allein weil sie dastehen, seien die Kirchengebäude ein Hinweis auf die Transzendenz und eine Einladung zur Besinnung. „Dass wir als Abendland vom Christentum und seinen Werten geprägt sind, darf ruhig deutlich werden. Ich verstehe das Grundgesetz und unsere Sozialgesetzgebung als einen Versuch, diese Werte in weltliche Regeln zu fassen, ähnlich wie ich die Menschenrechte als weltliche Formulierung der Zehn Gebote und der christlichen Werte verstehe.“ Dennoch: „In jedes Amtszimmer ein Kruzifix zu hängen, halte ich für ein Feigenblatt.“ Denn entscheidend sei die Basis des Zusammenlebens.