Lokale Kultur

Das Leben besteht aus Verwandlungen oder: Wenn jemand eine Reise tut

KIRCHHEIM Wenn ein Autor seine Jugendzeit in Nürtingen verbracht hat, wenn er sich nach Versuchen in der Lyrik als Erzähler von Kurzgeschichten profiliert hat, wenn

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ULRICH STAEHLE

er jetzt seinen ersten Roman vorlegt, dann verdient er nicht nur anderswo, sondern gerade hierzulande alle Aufmerksamkeit. Grund genug, dass ihn der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim zu einer Lesung aus seinem Romandebüt ins Max-Eyth-Haus eingeladen hat.

Der dreißigjährige Gernot Wolfram hat in Nürtingen Abitur gemacht, in Berlin studiert und promoviert und arbeitet jetzt als Journalist, Schriftsteller und Dozent. In "Samuels Reise" finden sich keine Spuren der Nürtinger Jugendzeit. Gernot Wolfram ist in Zittau geboren. In einem Interview bezeichnete er das Dreiländereck als seine "Herzensgegend". Das erzählende Ich seines Romans reist von Berlin über Dresden nach Krakau und Warschau. Der namenlose Erzähler ist mit Samuel, einem zwölfjährigen Jungen, unterwegs. Er kennt das Kind seiner Freundin Anna kaum. Der sehr eigenwillige und frühreife Knabe soll in Krakau mit seinem Lieblingsschriftsteller zusammentreffen.

Am Schluss sind alle Hauptgestalten in Warschau: außer dem Erzähler, der wiedergefundene Samuel, der dorthin abgehauen war, weil er den Betrug mit dem falschen Schriftsteller durchschaut hat, die noch amtierende Freundin Anna und die wahrscheinlich neue Freundin Lidia. Der Leser, der eine Auflösung der Verwicklungen nach dem Muster eines Liebes- oder Kriminalromans erwartet, wird enttäuscht.

Solcherlei strebt der junge Autor auch nicht an. Für ihn beginnt es erst richtig spannend zu werden, wenn alles erzählt ist. Lidia zitiert in diesem Sinne einmal ein französisches Sprichwort: "Es heißt sinngemäß, dass erst dann, wenn alle Geständnisse abgelegt sind, sein eigentliches Geheimnis beginnt". Der Autor und der Ich-Erzähler lassen viele Fragen offen, doch der Leser kann feststellen, dass auf der Reise viel passiert ist, nämlich das, was den Personen des Erzählbandes "Der Fremdländer" häufig widerfahren ist: In einer fremden Umgebung machen sie in der Nachwendezeit überraschende Wandlungen durch und gewinnen neue Erkenntnisse.

Der Ich-Erzähler, von Beruf bezeichnenderweise Übersetzer, spürt, dass sich sein Leben verändert hat. Den "Fallen" des Lebens mit seinen Verwirrungen und seinen Täuschungen ist nicht mit Empörung oder mit der Flucht in eine scheinbar geordnete Welt zu begegnen, sondern mit heiterer risikofreudiger Gelassenheit. Die neue Freundin Lidia vermittelt in der globalen Welt die postmoderne Botschaft: Nimm das Komplizierte einfach leicht. Gernot Wolfram stellte vor der Lesung sofort den Kontakt zum Publikum her, indem er auf seine Nürtinger Schulzeit einging. Den großartigen Blick von der Bibliothek der Schule auf dem Säer in Richtung Schwäbische Alb habe er noch gut in Erinnerung. Die Naturwissenschaften hätten ihm schwer zugesetzt.

Für seine Lesung wählte Wolfram Texte zu seinem Motiv der Täuschungen und Verwandlungen aus. Ein geschäftstüchtiger Unternehmer namens Klima treibt in Krakau eine Agentur um, die berühmte Persönlichkeiten doubelt, gerade diesen Autor Lem oder sogar den Papst.

Der Autor kann nicht nur "saftig-realistisch" (Wolfram über Wolfram) schreiben, sondern auch profihaft lesen. Ohne große Grimassen oder Gesten, rein mit der gekonnten Modulation der Stimme arbeitet er von innen heraus lebendig die verschiedenen Ebenen der Texte heraus, den Humor in den eigentlich bedrückenden Täuschungsszenen und die Illusionslosigkeit in einer Liebesszene zwischen dem Ich-Erzähler und seiner neuen Beziehung Lidia. Bei dieser suggestiven Art des Lesens gingen die Zuhörer sichtlich mit. Deshalb erstaunte es auch nicht, dass sich eine lebendige Diskussion mit dem Autor anschloss.