Lokale Kultur

Das Menschenbild in den Fokus genommen

KIRCHHEIM Unter dem Titel "Bildnisse aus fünf Jahrzehnten" sind derzeit Grafiken des Dresdner Malers, Zeichners und Radierers Ernst Hassebrauk (19051974) im

Anzeige

FLORIAN STEGMAIER

ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen. Die Kirchheimer Ausstellung bildet zugleich den Abschluss der Jubiläumsausstellungen zum 100. Geburtstags des Künstlers, der deutschlandweit jeweils mit einer ganz eigenen Systematik an insgesamt fünfzehn, teils äußerst renommierten Häusern gefeiert wurde, darunter das Dresdner Albertinum oder das Dix-Haus in Hemmenhofen.

Mit der Ausstellung "Bildnisse aus fünf Jahrzehnten" wird das Menschenbild in den Fokus genommen, das im Schaffen Hassebrauks eine zentrale Rolle spielt. Werner Sumowski, Kunstfreunden vor allem als bedeutender Rembrandt-Forscher bekannt, schrieb über Hassebrauks Porträtgraphik: "Die Linie gehorcht gebändigt der Gesetzlichkeit des Bezeichnenden, sie umreißt entscheidende physiognomische Züge, wird Werkzeug, mit dessen Hilfe sich Charakterformen, um den Bereich des Sichtbaren heben lassen. Rausch wird durch Präzision, durch den Einklang zwischen Modell und Künstler, den einleuchtenden Gebrauch der Mittel und treffende Auffassung ersetzt. Weisheit organisierter Materie spiegelt sich in bildnerischer Logik."

Zu Recht wies Laudator Dieter Hoffmann, Sammler und Biograf Hassebrauks, im Rahmen seiner Einführungsrede auf den reichen Ausdrucksgehalt der Augenpartie hin, die der Künstler in seine Porträts hineinlegt. Hassebrauk arbeitete zunächst expressionistisch, jedoch weniger im Sinne der "Brücke"-Expressionisten, auch weniger im Sinne Max Beckmanns, die er hoch schätzte und bewunderte. Gerade unter dem Aspekt seiner kongenialen Augendarstellung steht er als "Expressionist" mehr auf der Seite des "Nervenmalers" Kokoschka.

Die Expressivität der 20er Jahre wird zwei Jahrzehnte später nochmals aufgegriffen, etwa im Zyklus der "Webergassenkinder" aus dem Jahr 1940, in dem sich der Künstler dem Milieu proletarischer und kleinstbürgerlicher Hinterhöfe widmet.

Die Kirchheimer Ausstellung gewährt Einblick in Entwicklung und Konstante. Die frühesten gezeigten Exponate stammen aus dem Jahr 1927, Hassebrauk war damals erst 22 Jahre alt, jedoch bereits in der Lage, meisterlich zu zeichnen. Er porträtierte was ihm in die Nähe kam, Professoren und Mitstudenten der Kunstakademie, Lehrer und Schüler des Gymnasiums, wo er, um sich sein Doppelstudium zu finanzieren, Zeichenunterricht erteilte, Kinder der Leipziger Weststraße, wo er damals sein Atelier hatte. Er liebte großformatige Blätter, stand damit der Malerei nahe, der er sich aber erst später eingehend widmete.

Die Ausstellung enthält zwei Selbstbildnisse, ein frühes von 1927 und ein spätes von 1965. Es scheint dabei, als sei die normale Entwicklung umgekehrt: der junge Mensch wirkt älter, der alte jünger. Vielleicht resultiert dieser Eindruck auch aus der Selbstironie des späten Porträts, in dem sich Hassebrauk wie schon Rembrandt, Corinth, Dix, später Volker Stelzmann eine Pickelhaube aufsetzt und ganz unfeierlich an den Rand schreibt: "Mich interessierten Helm und meine Fresse wie ein Stillleben." Dass Hassebrauk Humor hatte, belegen auch seine Adaptionen Alter Meister. Im Porträt einer Biedermeier-Dame erregt der Kopf des Schoßhündchens mehr Aufmerksamkeit als das Antlitz der Dame.

Die Arbeiten sind noch bis 8. Januar in der Städtischen Galerie im Kornhaus in Kirchheim zu sehen. Passend zum Ausstellungstitel werden Cecilia Tempesta (Alt), Bernhard Moosbauer (Viola) und Jens Wollenschläger (Klavier) am Mittwoch, 7. Dezember, um 19.30 Uhr "Musik aus fünf Jahrzehnten" zu Gehör bringen, darunter Werke von Brahms, Hindemith und Ravel. Am Samstag, 17. Dezember, wird um 19.30 Uhr Autor Wolfgang Zumdick aus seinem neuen Buch "Rudolf Steiner und die Künstler" lesen und dabei insbesondere auf das Werk von Joseph Beuys eingehen.