Lokale Kultur

Das Verhältnis von Reisen und Wohnen als zentrales Thema

KIRCHHEIM "Jetzt weiß ich wo", lautet der Titel einer Ausstellung, die noch bis Sonntag, 8. Januar, in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen ist. Das Verhältnis von Reisen und Wohnen, von Unterwegs-Sein, Ausgesetzt-Sein und Behaust-Sein,

Anzeige

KAI BAUER

von Fremde und Heimat gehört zu den zentralen Themen der in Berlin lebenden Künstlerin Nada Sebestyen. Sie zeigt Collagen mit unregelmäßigen Rändern, deren Formate sich mit den ausgeschnittenen Fotografien bilden.

Farben, Formen und Strukturen spielen dabei eine große Rolle. Dadurch vermitteln die kleinen Formate durchaus ästhetische und malerische Qualitäten. Die naturalistische Darstellung der einzelnen Collageteile, die sich aus der fotografischen Technik fast zwangsläufig ergibt, sowie die ungewöhnlichen Zusammenstellungen der einzelnen Motive und die Verfremdung der Proportionen erinnern an Strategien der surrealistischen Bildfindung.

Die Motive zeigen zeitgenössische Architektur, alltägliche Elemente wie Handtuchstapel und immer wieder zersiedelte Landschaften aus Stadtgebieten und deren Rändern. Ab und zu tauchen Menschen und Tiere auf, die jedoch wie Beiwerk wirken. Ins Auge fallen Bauten mit betont provisorischem Charakter wie Unterstände aus Tüchern und Latten, oder eine Brücke aus Holzresten. Verschobene Proportionen, wie die zur Hausgröße angewachsenen Handtuchstapel stellen Bezüge zu surrealistischen Filmen und Bildern her. Sie laden dazu ein, nach den Dingen hinter der sichtbaren Realität zu suchen, wie das die Surrealisten teilweise sogar mit Hilfe der Psychoanalyse versuchten.

Den Betrachtern bieten die Motive vor allem zwei Ebenen der Rezeption an: Dabei ist die Suche nach realistischer und rationaler Interpretation etwa nach Bezügen zu den aktuellen Problemen der Ortlosigkeit, nach Migrations- und Idenditätsaspekten relevant. Die Collagen vermitteln aber vor allem das Nachempfinden von emotionalen und atmosphärischen Bindungen an bestimmte Örtlichkeiten, oder vielmehr an deren Fragmente.

Die Eindrücke, die auf Reisen und beim Unterwegssein gesammelt wurden, sind voller Brüche und auf eine eigenartige, unsystematische Weise zusammengefügt. Sie sind aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen herausgelöst, in ihren Proportionen zueinander verfremdet und zu einer Bildsynthese zusammengefügt. Dadurch wird auch der Eindruck, den diese Bilder vermitteln, ein synthetisches Konglomerat, eine eigene, aber autonome, von tatsächlichen Reiseansichten abweichende Realität. Sie wirken wie Bilder eines Gedächtnisses, das Erinnerungen subjektiv zusammensetzt und zusammen mit den visuellen Eindrücken auch Atmosphärisches, ja sogar Synästhetisches wie Gerüche, Geräusche oder Temperaturempfinden wachruft.

Zwischen 2000 und 2004 beginnt Nada Sebestyen ihr Thema mit dem Medium Fotografie auszudeuten. Die Wahl des Mediums ist eng verbunden mit der damaligen Lebensform des Reisens und Unterwegsseins. Mehr als Zeichnen oder plastisches Gestalten ist das Fotografieren eine schnelle Methode, um Gesehenes zu dokumentieren. Die Reisebilder aus der Türkei, aus Ghana oder Pakistan um nur einige Stationen der Künstlerin zu nennen, werden jedoch nicht als Dokumente ihres künstlerischen Nomadentums gezeigt. Vielmehr spielt die persönliche Interessenslage und die künstlerische Auswertung von Gesehenem eine entscheidende Rolle. Diese Haltung führt dazu, den fotografierten Wirklichkeitsausschnitt auf interessante Objekte hin auszudeuten, diese dann auch herauszuschneiden und in ein anderes, ästhetisch und inhaltlich verdichteten Bildgefüge zu übertragen. Wie das Fotografieren, so kann auch das Collagieren überall, an jedem Ort ausgeführt werden. Collageserien wie etwa "Neubau, 2000" und "Jetzt weiß ich wo, 2004" besitzen daher etwas Provisorisches, bewusst Nicht-Perfektes oder sogar etwas Nomadisches.

Die Machart der Fotocollagen entspricht dabei auch den Bildmotiven, die provisorische Lebensformen, Situationen des Übergangs und der Transformation, und eine globalisierte Welt voller Gegensätze und Widersprüche zeigen. Diese Fotocollagen werden ganz bewusst nicht digital komponiert und nicht mit vereinheitlichendem, glänzenden Oberflächenfinish versehen, sondern auf analoge Weise hergestellt. Genauso bewusst wird die Machart der Collagen offengelegt: deutlich sieht man die Schnittkanten und die Methode des Zusammenklebens unterschiedlicher Motive, die auch vor der tradierten Grenze des Bildformats nicht Halt macht, sondern darüber hinausgreift, um mit der Wand und mit den anderen applizierten Collagen in Interaktion zu treten.

Neben den global verbreiteten Architekturformen zeigt Nada Sebestyen in einer weiteren Collage mobile Schutzräume für das Unterwegssein: In dieser Collage sind Wohnwagen, Boote und fliegende Bauten in einen wüstenartigen Landschaftsausschnitt einmontiert. Die so genannten "recreation vehicles", die der Erholung und dem persönlichen Rückzug dienen, stellen die symbolische Erweiterung des intimen oder häuslichen Raumes dar. Diese mobilen Wohnräume sind jedoch auch Restbestand einer Epoche, die für uns Europäer weitgehend vorüber ist. Es handelt sich um eine Art nostalgischer rückwärtsgewandter Projektion, die mit dem Traum von Entdeckung und Freiheit verbunden ist.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Vorgänge in Marokko und Frankreich erhält das Nomadische inzwischen eine bedrohliche Komponente, die eher mit den Begriffen Migration und Ausgrenzungspolitik verbunden ist.

Die Vermischung von westlichen kulturellen Standards mit den Traditionen und Stilen der von Nada Sebestyen bereisten Länder kann gerade durch die Collagetechnik sichtbar gemacht werden: Die Schnittkanten der zusammengefügten Fotos sind identisch mit den kulturellen Bruchstellen, die sich im Nebeneinander von westlicher Betonarchitektur und einer Hüttenkonstruktion aus orientalischen Teppichen oder von verschleierten Frauen, die wie Fremdkörper in der Nische einer futuristischen Repräsentationsarchitektur sitzen, äußern. Die Arbeiten werfen jedoch auch Fragen nach der kulturellen Identität und der tatsächlichen Verortung auf.

Die Fotoelemente, die in den Collagen mitunter wie kartografische Versatzstücke zusammengefügt werden, zeigen keine Orte mit geografischer oder nationaler Kontingenz. Was Nada Sebestyen in ihrer bunten Collagewelt zusammenfügt, könnte man als subjektive Kulturgeschichte von menschlichen Behausungen und Lebensformen bezeichnen, mittels der sie versucht, die kulturellen, sozialen und ökonomischen Differenzen aufzuspüren und zu visualisieren. Der französische Anthropologe und Ethnologe Marc Auge spricht in seiner Analyse der globalisierten Welt von Tendenzen der Entwurzelung und Gleichmacherei, der Auflösung der Orte, an denen Menschen zu Hause sein können und der beliebigen Verfügbarkeit der Güter, Ideen und Räume. Wir sind Unbehauste in einem riesigen gesellschaftlichen und technischen Universum, das nur noch Passagen, aber keine Heimat mehr kennt.