Lokale Kultur

"Das verlorene Land" beklemmende Szenen einer Flucht aus Tibet

KIRCHHEIM Die Schwerpunkte ihres Studiums hätte die in Kirchheim geborene Iris Lemanczyk nicht treffsicherer setzen können. Als hätte sie schon immer gewusst, dass sie ei-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

nes Tages Bücher schreiben und rund um die Welt reisen wird, wählte sie für ihr Studium an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen die für solche Ambitionen durchaus sich eignende Fächerkombination Germanistik und Geografie.

Was und vor allem wohin sie will, war Iris Lemanczyk (Foto: Jean-Luc Jacques) wohl schon immer bewusst auch wenn es nicht zwingend zu jedem zielorientierten Lebenslauf gehört, nach Abschluss des Studiums erst einmal durch die Welt zu reisen so lange man das noch kann . . .

Ihre Tätigkeit als so genannte "feste freie Mitarbeiterin" bei verschiedenen Zeitungen mündete schließlich in ein Volontariat bei der Südwest-Presse in Ulm. Dann packte die einstige Geografie-Studentin zunächst einmal wieder das sie offensichtlich bis heute immer wieder unheilbar infizierende Fernweh. Die daraus resultierenden Risiken und Nebenwirkungen sind nicht immer klar definierbar und können weder von Ärzten noch von Apothekern abschließend geheilt werden. Linderung verspricht offensichtlich nur, sich von Zeit zu Zeit intensiv über attraktive Arbeitsangebote im Ausland zu informieren und die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die sich all denen bieten, die den Mut und die Möglichkeit haben, immer wieder auf Zeit Brücken hinter sich abzubrechen und "raus" zu gehen.

Die Gelegenheit, im afrikanischen Namibia als Sportreporterin zu arbeiten, war für Iris Lemanczyk natürlich eine willkommene Herausforderung. Dass den sich daran anschließenden weiteren Redaktionstätigkeiten in verschiedenen Lokalredaktionen ihrer schwäbischen Heimat fast zwingend weitere Auslandsaufenthalte in weiter Ferne folgen mussten, überrascht nicht. Mit Australien und Neuseeland hat die einstige Geografie-Studentin dann gleich von Kirchheim ganz besonders weit entfernte Ziele angesteuert.

Seit 1997 ist die inzwischen in Stuttgart lebende Iris Lemanczyk als freie Schriftstellerin und Journalistin tätig, 1999 erhielt sie das Literatur-Stipendium des Landes Baden-Württemberg. 2002 war sie Stadtschreiberin in Rottweil und durfte im Rahmen einer durch das Auswärtige Amt initiierten Maßnahme auch das ostafrikanische Kenia besuchen.

Grenzwertige Erfahrungen abseits der Zivilisation mit Wanderungen durch die Massai Mara und einer nicht allzu entspannenden Übernachtung in einer rauchgeschwängerten Massai-Hütte mündeten in dem Theaterstück "Kimani und der Löwe", auf das sie sich im Rahmen eines Stipendiums im zurückliegenden Sommer auf Rhodos in der vergleichsweise heilen Welt eines von UNESCO und Schriftstellerverband finanzierten Aufenthalts in einer alten Villa konzentrieren konnte.

Ihre Zeit in Kenia nutzte sie aber auch, um in den Slums von Nairobi zu recherchieren und Material rund um das Thema Aidswaisen zu sammeln. Dass Iris Lemanczyk sich brennend für das Thema Mädchenhandel interessiert und lieber heute als morgen im Rahmen eines erneuten Reisestipendiums nach Kambodscha fliegen würde, räumt sie ein und weiß doch ganz genau, dass sie im Moment an nichts anderes denken kann, als an die Präsentation ihres beim renommierten Ravensburger Verlag erschienenen neuen Buches mit dem Titel "Das verlorene Land Eine Flucht aus Tibet".

Erzählt wird darin die abenteuerliche Geschichte der Zwillinge Tashi und Tenzin, die sich der drohenden Einweisung Tashis in ein Erziehungslager durch eine gefährliche und entbehrungsreiche Flucht nach Indien entziehen wollen, wo das religiöse Oberhaupt der Tibeter lebt, der Dalai Lama. Der Weg zu diesem gelobten Ort führt sie viele Wochen durch die unbarmherzige Hölle der Himalayaregion, wo die mutig in Angriff genommene Flucht in eine bessere Welt im mörderischen Eis und Schnee schnell zum verzweifelten Kampf ums Überleben wird.

Ihrem Schulsituationen in unterschiedlichsten Regionen der Welt schildernden Buch "Mein Lehrer kommt im Briefumschlag Schule wie sie keiner kennt", das 1997 im Ensslin & Laiblin Verlag in Reutlingen erschien und von Petra Isselhorst, der Bildungsreferentin von UNICEF Deutschland wärmstens empfohlen wurde folgte 1999 im selben Verlag das sich auf das facettenreiche Thema Drogen konzentrierenden Buch mit dem Titel "Ich bin doch nicht blöd". Nach der intensiven Beschäftigung mit der Schulsituation in Neuseeland, Namibia, China, Indonesien und in einer Zirkusschule in Deutschland. widmete sich Iris Lemanczyk in ihrem dritten Buch schließlich auch der Ausnahmesituation des Schulunterrichts in einem Sportgymnasium. Nach dem "Verrat im Stangenwald" hat sich Iris Lemanczyk mit "Das verlorene Land Eine Flucht aus Tibet" einem ganz erneut sehr ambitionierten und nicht nur ihren jugendlichen Lesern ganz besonders fernen Projekt zu nähern gesucht.

Dass die tägliche Konfrontation der beiden tibetischen Zwillinge Tashi und Tenzin mit ihrem strengen chinesischen Lehrer auch Kindern in der heilen Welt des Musterländles Baden-Württemberg gut vermittelt werden kann, hat Iris Lemanczyk im Rahmen ihrer Lesereise längst gemerkt, die sie in den kommenden Wochen gleich zweimal in ihre Heimatstadt führen wird.

Am Dienstag, 25. Oktober, wird sie um 15 Uhr in der Buchhandlung Zimmermann in der Max-Eyth-Straße 3 lesen. Am Dienstag, 8. November, ist sie dann ebenfalls ab 15 Uhr bei der Buchhandlung Margot Schieferle in der Wellingstraße 24 zu Gast. Auch wenn Iris Lemanczyk mit diesen beiden Lesungen in ihre Heimatstadt zurückkehrt, der sie sich eng verbunden fühlt, kann sie der Faszination der Fremde offensichtlich nur auf Zeit und wohl auch nur durch die Vorgaben des Verlags entsagen.

Während sie im Rahmen einer zweifellos anstrengenden Lesereise ihr neues Buch vorstellt, sehnt sie sich offensichtlich längst schon nach neuen Themen und neuen Zielen, die ihr nicht zuletzt auch dabei helfen, ihre Heimatstadt und deren Menschen nicht nur durch die Brille lokaler Befangenheit zu sehen, sondern auch aus der von ihr immer wieder gerne gewählten und zuweilen besseren Überblick verschaffenden "Distanz" der erfahrenen Weltenbummlerin.