Lokale Wirtschaft

Daten im Hochsicherheitstrakt

Die EC-Karte wird in den Automaten geschoben, die Geheimzahl eingetippt, und Sekunden später hält man das Geld in der Hand. Für Bankkunden ist dieser Service selbstverständlich. Doch damit das funktioniert, brauchen Banken leistungsfähige Großrechner. Bei der Fiducia AG in Karlsruhe ist beispielsweise das Rechenzentrum der Volks- und Raiffeisenbanken in der Region.

KREIS ESSLINGEN Das Allerheiligste befindet sich in einem unauffälligen 70er-Jahre-Gebäude in einem unauffälligen Industriegebiet. Wo genau dieses Gebäude steht, soll möglichst niemand wissen. Und so müssen auch Journalisten, denen die Fiducia AG ihre Türen öffnet, zunächst eine Erklärung unterschreiben, dass sie über den genauen Standort Stillschweigen bewahren. Denn die Angst vor Leuten, die durch den Werkszaun oder die Datenleitung ins Rechenzentrum eindringen und es auf die sensiblen Informationen abgesehen haben, ist groß. An den Wänden hängen deshalb auch die "10 Sicherheitsgebote" für die Angestellten. "Mein Passwort geht nur mich etwas an" und "Sicherheit hängt von mir ab", wird den Mitarbeitern der Fiducia da eingeschärft.

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Der Raum, um den die Geheimniskrämerei gemacht wird, wirkt überraschend unspektakulär. Neonlicht erhellt die fensterlose Halle, deren Temperatur von der Klimaanlage konstant bei 19 Grad gehalten wird. Das Rauschen der Ventilatoren sorgt für eine permanente Geräuschkulisse. In den Ecken lagern einige ausrangierte Computer. Mit dem PVC-Boden und den grauen und schwarzen Stahlschränken erinnert der Raum an eine große Umkleidekabine. Doch in den Spinden lagern Daten Unmengen von Daten. Insgesamt haben die Rechner der Fiducia ein Speichervolumen von drei Millionen Gigabyte, das entspricht rund 15 000 modernen PCs oder 3,3 Milliarden Aktenordnern. Dieses ungeheuere Speichenvolumen ist notwendig, weil in Karlsruhe die Fäden von 900 Banken zusammenlaufen: Die Daten von 55,7 Millionen Konten sind hier gespeichert. Hinzu kommen 9 000 Geldautomaten mit 80 000 Abhebungen pro Stunde. An den 11 000 Selbstbedienungsterminals werden stündlich 60 000 Kontoauszüge gedruckt. "Wenn Daten verloren gehen würden, wäre das eine größere Katastrophe", weiß David Hartmann von der Fiducia.

Und deswegen muss das Unternehmen auf jede Eventualität vorbereitet sein. Zum Beispiel auf einen Stromausfall. Das Unternehmen verfügt über eine vollkommen unabhängige Stromversorgung. In einem großen Raum im Keller lagern 824 Batteriezellen jede so groß wie die Autobatterie eines Lastwagens. "Damit können wir aber nur die ersten 15 Minuten überbrücken", erklärt Hartmann. So lange dauert es, bis die vier Dieselgeneratoren auf Touren kommen. Die blauen Ungetüme, die in einem eigenen Nebengebäude untergebracht sind, treiben normalerweise große Schiffe an und haben eine Leistung von 10 000 PS. Damit sie im Ernstfall schneller anspringen, werden sie ständig vorgewärmt. Der Dieseltank auf dem Dach reicht, um das Rechenzentrum fünfeinhalb Tage mit Strom zu versorgen, und falls einer der Generatoren ausfallen sollte, wäre das auch kein Problem: Eigentlich genügen drei.

Und was passiert, wenn Feuer ausbricht? Natürlich ist auch dafür vorgesorgt mit einer vollautomatischen Löschanlage, die im Brandfall

CO2 verströmt und die Flammen erstickt. Doch selbst wenn die versagen sollte und das komplette Gebäude ein Raub der Flammen würde, braucht kein Bankkunde um seine Ersparnisse zu fürchten. Denn bei der Fiducia gibt es alles doppelt: Jeder Rechner besitzt einen Klon, der in einem anderen Gebäude in zwei Kilometern Entfernung steht und auf dem exakt die gleichen Informationen noch einmal gespeichert sind. "So haben wir einen hundertprozentigen Ersatz, der sofort verfügbar ist", erklärt Thomas Sander, Referent für Systemtechnik bei der Fiducia. Bleiben noch die Gefahren, vor denen weder Betonmauern noch Wachpersonal schützen: Angriffe durch Hacker und Viren. "Wenn man sieht, wie häufig es Viren heute bis in die Tagesschau schaffen, weiß man, wie dieses Gefahrenpotenzial steigt", sagt Lutz Bleyer, der für die Datensicherheit zuständig ist. Mit einem dreistufigen Sicherheitskonzept sei es dem Unternehmen bislang jedoch gelungen, größere Attacken abzuwehren.

Inzwischen ist es Abend geworden, die Mitarbeiter in den Banken haben längst Feierabend. Bei der Fiducia geht es jetzt erst richtig los. Wenn der Buchungstag abgeschlossen ist, werden die Kontoauszüge produziert zwei bis drei Millionen Stück an Spitzentagen. Die Kuvertiermaschine macht 40 000 Briefe pro Stunde versandfertig, die direkt an die Kunden verschickt werden. Wer einen Brief von seiner Volksbank bekommt, sollte sich nicht über den Karlsruher Poststempel wundern. Auch wenn es nirgends steht: Absender ist die Fiducia AG.

ez